Einleitung
摘要
Die Einleitung dieser Arbeit greift zwei aktuelle Ereignisse im Kontext der Seenotrettung im Mittelmeer auf: den Rückzug von Ärzte ohne Grenzen aus der zivilen Seenotrettung sowie neue Vorwürfe zum regelwidrigen Umgang mit völkerrechtswidrigen Praktiken der EU-Agentur Frontex. Beide Fälle verdeutlichen das zugrunde liegende empirische Erkenntnisinteresse sowie den daraus erwachsenden organisationssoziologischen Erklärungsbedarf. Dieser entspringt dem Spannungsverhältnis zwischen Seenotrettungspflicht, politischen Anforderungen an den EU-Außengrenzschutz und öffentlichen Diskursen über den Umgang mit irreguläre Migration nach Europa. Im Zentrum der Untersuchung stehen wiederkehrende Anschuldigungen devianter Praxis seitens zivilgesellschaftlicher, staatlicher und überstaatlicher Akteur*innen. Die leitende Forschungsfrage lautet daher: „Inwiefern begünstigen organisationale Strukturen und Moralvorstellungen Regelabweichungen durch Organisationen im Kontext maritimer irregulärer Migration?“ Es werden drei zentrale Punkte der Forschungsagenda formuliert: Erstens die empirische Überprüfung erhobener Vorwürfe illegaler Praktiken. Zweitens die Analyse struktureller und organisationskultureller Faktoren, die Regelabweichungen begünstigen können. Drittens systemtheoretische Erklärungen für deviante Praxis, sofern diese vorliegt. Methodisch erfolgt die Untersuchung anhand von zwei qualitativen Organisationsfallstudien. Theoretisch basiert sie auf organisationsoziologischen Annahmen der Systemtheorie nach Luhmann. Abschließend wird das Ziel betont, keine Fronten zu verstärken, geschweige denn deviante Praxis zu legitimieren. Vielmehr sollen neben der empirischen Erkenntnisgenerierung evidenzbasierte Handlungspotenziale für einen nachhaltigeren Umgang mit der humanitären Lage und maritimen Sicherheit im Mittelmeer aufgezeigt werden. „Ärzte ohne Grenzen zieht Rettungsschiff ab“ lautete die Schlagzeile der Tagesschau am 13.12.2024 (Tagesschau 2024a). Konkret bezieht sie sich darauf, dass die humanitäre Hilfsorganisation den Betrieb ihres zivilen Seenotrettungsschiffs GEO Barents einstellt. Im Zuge dessen zieht sich die Organisation temporär für einen unbestimmten Zeitraum aus der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer zurück.