Lese-/Rechtschreibstörung und geringe Literalität bei Erwachsenen: Eine empirische Analyse von Unterschieden und Gemeinsamkeiten
摘要
Lese-/Rechtschreibstörung (LRS) ist als eine Teilleistungsstörung definiert, die im Grundschulalter festgestellt wird und nach aktuellen Studien zwischen 5 % und 12 % aller Schulkinder in Deutschland betrifft. Sie ist durch eine stark verlangsamte Lesegeschwindigkeit, Probleme beim Leseverständnis und in der Orthografie gekennzeichnet. Verlaufsstudien zeigen, dass nur etwa ein Drittel der Betroffenen im Erwachsenenalter altersangemessene Lese- und Schreibkompetenzen aufweisen. Wesentliche Unterschiede in der Operationalisierung von LRS und geringer Literalität von Erwachsenen betreffen das diagnostische Vorgehen zur Identifikation von Betroffenen. LRS wird im Grundschulalter vor allem aufgrund einer verringerten Lesegeschwindigkeit diagnostiziert, während für die Feststellung geringer Literalität Erwachsener das 18. Lebensjahr erreicht oder überschritten sein muss und die Diagnostik vor allem über ein eingeschränktes Leseverständnis erfolgt. Im Alpha-Panel gaben 15 % der an Alphabetisierungskursen teilnehmenden Erwachsenen an, eine LRS-Diagnose erhalten zu haben (von Rosenbladt, Bilger, 2011). In der vorliegenden Studie wurden die kognitiven Vorläuferfähigkeiten für das Lesen von einer Gruppe gering literalisierter Erwachsener mit deutscher Erstsprache (EglD) mit Erwachsenen mit deutscher Erstsprache, die als Kinder oder Jugendliche eine LRS-Diagnose erhalten haben (ELRS) und normal lesenden Erwachsenen mit deutscher Erstsprache (KG) verglichen. Es wurden standardisierte Tests zur Erfassung der non-verbalen Intelligenz, der Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, des Leseverständnisses, der phonologischen Bewusstheit, des phonologischen Arbeitsgedächtnisses sowie der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit vorgelegt. Aus den z-standardisierten Ergebnissen der Testverfahren wurde jeweils ein kombinierter Wert für das Leseverständnis und die Lesegeschwindigkeit, die phonologische Bewusstheit, das phonologische Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit gebildet. Die Gruppen EglD und ELRS zeigten deutliche Einschränkungen der phonologischen Bewusstheit sowie des phonologischen Arbeitsgedächtnisses. Selektive Aufmerksamkeit erwies sich nur bei einigen wenigen Studienteilnehmenden als defizitär. Implikationen für die Praxis der Alphabetisierungsarbeit und für die empirische Sozialforschung werden diskutiert.