Die Arbeit plädiert für eine Neukonzeptionierung des schulischen Umgangs mit Erinnerungskultur, die die veränderten Voraussetzungen im Zugriff auf Holocaust und Genozid in der Postmigrationsgesellschaft berücksichtigt. Den Jugendlichen soll ermöglicht werden, die Herausforderungen des Erzählens, Erinnerns und (Nicht-)Verstehens im Umgang mit dem Thema Genozid gemeinsam zu entdecken und zu artikulieren. Grundbedingung ist hierfür ein beschuldigungsfreier schulischer Raum, in dem aber mit Blick auf antisemitische und rassistische Äußerungen klare Grenzen gesetzt werden. Im Umgang mit Genozid-Jugendliteratur sind Erfahrungen mit fundamentalen Vertrauensbrüchen möglich, die sich auf die Gewährleistung menschlicher Würde, das Schutzversprechen der Erwachsenen und das aufgeklärte, historische Sinnversprechen beziehen. Vor diesem Hintergrund müssen auch Zugangsweisen erlaubt und methodisch herausgefordert werden, die zu einem Innehalten oder zu Rezeptionsabbrüchen führen. Es gilt, einen literaturunterrichtlichen Raum zu schaffen, in dem die Relevanz von Wissen sowie Wissensweitergabe erfahrbar und für ethische Fragen der Unsagbarkeit sowie Undarstellbarkeit sensibilisiert wird. In diesem Raum sollten alle Beteiligten im intergenerationellen Austausch Emotionen möglichst authentisch, ohne Bewertung und Einordnung äußern dürfen. Der Autor ist sich bewusst, dass die hier beschriebenen Herausforderungen an Deutschunterricht unter den aktuellen gesellschaftlichen Lehr-Lernbedingungen eine Zumutung darstellen. Er äußert die Hoffnung, dass Lehrkräfte diese Herausforderung mit ihren Schüler*innen gemeinsam annehmen, da sich alle mit einer Welt konfrontiert sehen, in der die massenhafte Vernichtung von Menschen und die Leugnung dieses Verbrechens ein wiederkehrendes Handlungsmuster ist.

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Holocaust- und Genozid-Jugendliteratur in einer postmigrantischen Gesellschaft lesen

  • Julian Kanning

摘要

Die Arbeit plädiert für eine Neukonzeptionierung des schulischen Umgangs mit Erinnerungskultur, die die veränderten Voraussetzungen im Zugriff auf Holocaust und Genozid in der Postmigrationsgesellschaft berücksichtigt. Den Jugendlichen soll ermöglicht werden, die Herausforderungen des Erzählens, Erinnerns und (Nicht-)Verstehens im Umgang mit dem Thema Genozid gemeinsam zu entdecken und zu artikulieren. Grundbedingung ist hierfür ein beschuldigungsfreier schulischer Raum, in dem aber mit Blick auf antisemitische und rassistische Äußerungen klare Grenzen gesetzt werden. Im Umgang mit Genozid-Jugendliteratur sind Erfahrungen mit fundamentalen Vertrauensbrüchen möglich, die sich auf die Gewährleistung menschlicher Würde, das Schutzversprechen der Erwachsenen und das aufgeklärte, historische Sinnversprechen beziehen. Vor diesem Hintergrund müssen auch Zugangsweisen erlaubt und methodisch herausgefordert werden, die zu einem Innehalten oder zu Rezeptionsabbrüchen führen. Es gilt, einen literaturunterrichtlichen Raum zu schaffen, in dem die Relevanz von Wissen sowie Wissensweitergabe erfahrbar und für ethische Fragen der Unsagbarkeit sowie Undarstellbarkeit sensibilisiert wird. In diesem Raum sollten alle Beteiligten im intergenerationellen Austausch Emotionen möglichst authentisch, ohne Bewertung und Einordnung äußern dürfen. Der Autor ist sich bewusst, dass die hier beschriebenen Herausforderungen an Deutschunterricht unter den aktuellen gesellschaftlichen Lehr-Lernbedingungen eine Zumutung darstellen. Er äußert die Hoffnung, dass Lehrkräfte diese Herausforderung mit ihren Schüler*innen gemeinsam annehmen, da sich alle mit einer Welt konfrontiert sehen, in der die massenhafte Vernichtung von Menschen und die Leugnung dieses Verbrechens ein wiederkehrendes Handlungsmuster ist.