Holocaust- und Genozid-Gedächtnis in Jugendliteratur: poetologische Grundlagen einer Typologie
摘要
In den beiden deutschen Staaten ist die Kinder- und Jugendliteratur seit 1945 von den Entwicklungsbesonderheiten deutschsprachiger Diskurse über den Holocaust geprägt. u. a. werden bestimmte NS-Opfer-Gruppen, der deutsche Völkermord an den Herero und Nama sowie die Verwicklung des Kaiserreichs in den Genozid an den Armeniern ausgeblendet. Neben diesen erinnerungspolitischen Spezifika sind im Vergleich mit Literatur für Erwachsene im kinder- und jugendliterarischen Handlungs- und Symbolsystem andere Anforderungen an das Schreiben über den Holocaust festzustellen. Diese an Paradigmen wie Zumutbarkeit und an erzieherische sowie aufklärerische Intentionen geknüpften Anforderungen verändern sich verstärkt seit den 1980er-Jahren, wobei eine Annäherung an das Schreiben für Erwachsene auch in Jugendliteratur über den Holocaust zu beobachten ist. Diese Transformation der Gattung schlägt sich in der Jugendliteratur über ‚andere‘ Genozide ebenso nieder wie erinnerungskulturelle Veränderungen, die andere NS-Opfer-Gruppen und die deutschen Kolonialverbrechen erstmals in den Blick rücken. Transnationale und multidirektionale Perspektiven auf Erinnerung führen erst seit den beginnenden 2000er-Jahren dazu, dass Jugendliteratur, die von anderen Genoziden erzählt, überhaupt jenseits des Stigmas einer vermeintlichen Relativierung des Holocausts wahrnehmbar wird. Diese erst allmählichen erinnerungskulturellen Veränderungen äußern sich in der geringen Anzahl von Übersetzungen von Genozid-Jugendliteratur ins Deutsche. Es zeigt sich zudem, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede jugendliterarischen Erzählens über verschiedene Genozide wissenschaftlich bisher kaum systematisch in den Fokus genommen wurden.