Die Literatursoziologie hat während der Zwischenkriegszeit keine Institutionalisierung, sehr wohl aber eine beachtliche, überaus vielschichtige Entwicklung durchlaufen. Diese quer durch die Disziplinen verlaufende und über das akademische Feld hinausreichende Entwicklung nachzuzeichnen, ist das Ziel des vorliegenden Beitrags. Die literatursoziologischen Tendenzen jener Zeit werden als Antworten auf einen Problemkomplex gelesen, in dem sich die Verschärfung sozialer Spannungen, die damit einhergehende Pluralisierung der Funktionalität von Literatur und die Emergenz der Massenkultur bündeln. Auf ihn, so ist ausführlich zu zeigen, antwortet die Literatursoziologie in fünf deutlich zu unterscheidenden Räumen: Inneruniversitär entwickeln sich aus den Disziplinen der Soziologie, der Philosophischen Anthropologie und der Literaturwissenschaft heraus eigenständige literatursoziologische Ansätze, während es außeruniversitär insbesondere im Umfeld des Frankfurter Instituts für Sozialforschung sowie durch das engagierte Wirken einiger weniger ‚Außenseiter‘ zur Profilierung deutlich anders gelagerter literatursoziologischer Ansätze kommt. Verstanden als Positionen stecken die in den jeweiligen Räumen entworfenen Ideen und Methoden die Eckpunkte eines literatursoziologischen Feldes ab, in dem eine bemerkenswerte Umkehr der Verhältnisse zu beobachten ist: Während die innerhalb der sich rasant institutionalisierenden Soziologie entwickelten literatursoziologischen Positionen die Gesellschaft in der Literatur und damit in den Texten selbst aufsuchen, schlägt die etablierte Literaturwissenschaft einen geradezu gegenläufigen Weg ein und versucht, die Literatur in ihrer Funktion und Leistung innerhalb der Gesellschaft zu erfassen.

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Hauptströmungen der Literatursoziologie im Deutschland der Zwischenkriegszeit

  • Christine Magerski

摘要

Die Literatursoziologie hat während der Zwischenkriegszeit keine Institutionalisierung, sehr wohl aber eine beachtliche, überaus vielschichtige Entwicklung durchlaufen. Diese quer durch die Disziplinen verlaufende und über das akademische Feld hinausreichende Entwicklung nachzuzeichnen, ist das Ziel des vorliegenden Beitrags. Die literatursoziologischen Tendenzen jener Zeit werden als Antworten auf einen Problemkomplex gelesen, in dem sich die Verschärfung sozialer Spannungen, die damit einhergehende Pluralisierung der Funktionalität von Literatur und die Emergenz der Massenkultur bündeln. Auf ihn, so ist ausführlich zu zeigen, antwortet die Literatursoziologie in fünf deutlich zu unterscheidenden Räumen: Inneruniversitär entwickeln sich aus den Disziplinen der Soziologie, der Philosophischen Anthropologie und der Literaturwissenschaft heraus eigenständige literatursoziologische Ansätze, während es außeruniversitär insbesondere im Umfeld des Frankfurter Instituts für Sozialforschung sowie durch das engagierte Wirken einiger weniger ‚Außenseiter‘ zur Profilierung deutlich anders gelagerter literatursoziologischer Ansätze kommt. Verstanden als Positionen stecken die in den jeweiligen Räumen entworfenen Ideen und Methoden die Eckpunkte eines literatursoziologischen Feldes ab, in dem eine bemerkenswerte Umkehr der Verhältnisse zu beobachten ist: Während die innerhalb der sich rasant institutionalisierenden Soziologie entwickelten literatursoziologischen Positionen die Gesellschaft in der Literatur und damit in den Texten selbst aufsuchen, schlägt die etablierte Literaturwissenschaft einen geradezu gegenläufigen Weg ein und versucht, die Literatur in ihrer Funktion und Leistung innerhalb der Gesellschaft zu erfassen.