„Wir sehen hier alles im Flusse des Werdens, in der endlosen und immer neuen Individualisierung, in der Bestimmtheit durch Vergangenes und in der Richtung auf unerkanntes Zukünftiges. […] Das festigt auf der einen Seite den Sinn für die Wurzelung alles Zufälligen und Persönlichen in großen, breiten überindividuellen Zusammenhängen und führt jeder Gegenwart die Kräfte der Vergangenheit zu. Aber es erschüttert auf der anderen Seite alle ewigen Wahrheiten, seien sie kirchlich-supranaturaler und darum von der höchsten autoritativen Art, seien es ewige Vernunftwahrheiten und rationale Konstruktionen von Staat, Recht, Gesellschaft, Religion und Sittlichkeit, seien es staatliche Erziehungszwänge, die sich auf die weltliche Autorität und ihre herrschende Form beziehen“ (Troeltsch 2002, S. 437). Zu finden sind diese bekannt gewordenen Sätze in einem Beitrag unter dem Titel ‚Krisis des Historismus‘, in dem Troeltsch die nicht erst seit den 1920er-Jahren sichtbar gewordenen Schlagseiten der spätestens seit dem 19. Jahrhundert prägend gewordenen Denkform des Historismus präzise benennt: Die Idee einer objektiven Beschreibung der historischen Realität hat sich angesichts der vielfältigen ‚Bedingtheiten‘ historisch-kritischer Forschung als Illusion erwiesen (Troeltsch 2002, S. 441–443); die notwendige Bezugnahme auf die sich mit verstärkter Dynamik entwickelnden Sozial- und Politik-, bzw. umfassender: Kulturwissenschaften, erzeugt eine Pluralität von Zugängen und Perspektiven, die jeden Ertrag wissenschaftlichen Forschens zum Einzelphänomen stilisieren können (Troeltsch 2002, S. 446 f.) und die in der Methode selbst begründende Verabschiedung eines, von gemeinsamen Werten getragenen, universalen Deutungshorizontes, die am Ende dazu neigt, eine – so die bedrückende Beschreibung Troeltsch – von partikulären (z. B. völkisch-nationalen, weltanschaulich-ideologischen oder sozio-ökonomischen) Interessen geleitete Geschichtspolitik hervorzubringen (Troeltsch 2002, S. 447–451).

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„Die Wahrheit …, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“ (DV 12)

  • Johanna Rahner

摘要

„Wir sehen hier alles im Flusse des Werdens, in der endlosen und immer neuen Individualisierung, in der Bestimmtheit durch Vergangenes und in der Richtung auf unerkanntes Zukünftiges. […] Das festigt auf der einen Seite den Sinn für die Wurzelung alles Zufälligen und Persönlichen in großen, breiten überindividuellen Zusammenhängen und führt jeder Gegenwart die Kräfte der Vergangenheit zu. Aber es erschüttert auf der anderen Seite alle ewigen Wahrheiten, seien sie kirchlich-supranaturaler und darum von der höchsten autoritativen Art, seien es ewige Vernunftwahrheiten und rationale Konstruktionen von Staat, Recht, Gesellschaft, Religion und Sittlichkeit, seien es staatliche Erziehungszwänge, die sich auf die weltliche Autorität und ihre herrschende Form beziehen“ (Troeltsch 2002, S. 437). Zu finden sind diese bekannt gewordenen Sätze in einem Beitrag unter dem Titel ‚Krisis des Historismus‘, in dem Troeltsch die nicht erst seit den 1920er-Jahren sichtbar gewordenen Schlagseiten der spätestens seit dem 19. Jahrhundert prägend gewordenen Denkform des Historismus präzise benennt: Die Idee einer objektiven Beschreibung der historischen Realität hat sich angesichts der vielfältigen ‚Bedingtheiten‘ historisch-kritischer Forschung als Illusion erwiesen (Troeltsch 2002, S. 441–443); die notwendige Bezugnahme auf die sich mit verstärkter Dynamik entwickelnden Sozial- und Politik-, bzw. umfassender: Kulturwissenschaften, erzeugt eine Pluralität von Zugängen und Perspektiven, die jeden Ertrag wissenschaftlichen Forschens zum Einzelphänomen stilisieren können (Troeltsch 2002, S. 446 f.) und die in der Methode selbst begründende Verabschiedung eines, von gemeinsamen Werten getragenen, universalen Deutungshorizontes, die am Ende dazu neigt, eine – so die bedrückende Beschreibung Troeltsch – von partikulären (z. B. völkisch-nationalen, weltanschaulich-ideologischen oder sozio-ökonomischen) Interessen geleitete Geschichtspolitik hervorzubringen (Troeltsch 2002, S. 447–451).