Das letzte Kapitel abstrahiert die gewonnenen Erkenntnisse. Alle wissenschaftlichen Theorien folgen – bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Inhalte und Anwendungen – einer gemeinsamen, formalen Struktur. Diese Gemeinsamkeit ermöglicht es, Theorien aus unterschiedlichen Disziplinen in einer normierten Sprache miteinander in Beziehung zu setzen. Die verwendete Sprache greift auf logische, mengentheoretische und mathematische Begriffe zurück. Dadurch wird nicht nur Präzision gewonnen. Auch die Übersetzbarkeit zwischen Disziplinen wird erleichtert – etwa von der Psychologie zur Physik oder von der Ökonomie zur Biologie. Im Zentrum stehen die vier Grundbestandteile einer wissenschaftlichen Theorie: die Modellklasse mit den dazugehörigen Hypothesen; die Menge intendierter, realer Systeme, auf die die Theorie angewendet wird; die Klasse von Teilsystemen der Modelle; die Menge von Fakten bzw. Faktensystemen, die empirisch erhoben werden. Allen diesen Komponenten liegt dieselbe abstrakte Struktur zugrunde: Ein Modell besteht aus Grundmengen, Hilfsmengen, Relationen (Beziehungen zwischen Objekten), Funktionen sowie einem festen Regelsatz zur Konstruktion dieser Elemente. Mathematische Objekte, Zahlen und bestimmte symbolische Ausdrücke sind integrale Bestandteile dieser Struktur. Theorien sind untereinander vernetzt. Zwischen ihnen bestehen intertheoretische Relationen– wie Spezialisierung, Theoretisierung oder Reduktion. Diese Beziehungen werden präzise beschrieben; mit ihnen können komplexe Theoriennetzwerke rekonstruieren und analysieren werden. Die empirische Dimension bleibt auch in diesem formalen Rahmen zentral: Der empirische Anspruch– also die Gültigkeit einer Theorie im Hinblick auf die Realität – kann für jede Theorie in derselben Form ausgedrückt werden. Dabei gilt: Die Faktensysteme einer Theorie sollen zu Modellen ergänzt werden können. Die Überprüfung dieses Anspruchs folgt einem allgemeinen Prozess, der in allen Wissenschaften ähnlich verläuft. Die hier entwickelte Begrifflichkeit eröffnet eine neue Perspektive auf die Wissenschaftstheorie. Trotz aller Unterschiede zwischen den Fachgebieten wird sichtbar, dass es eine gemeinsame Form wissenschaftlicher Erkenntnis gibt. Sie ist präzise beschreibbar – und damit auch analysierbar und vergleichbar. Trotz der teilweise unterschiedlichen Sichtweisen haben diese Disziplinen auch etwas gemeinsam, was wir hier klar beschrieben haben.

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Theorien im Allgemeinen

  • Wolfgang Balzer,
  • Klaus Manhart

摘要

Das letzte Kapitel abstrahiert die gewonnenen Erkenntnisse. Alle wissenschaftlichen Theorien folgen – bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Inhalte und Anwendungen – einer gemeinsamen, formalen Struktur. Diese Gemeinsamkeit ermöglicht es, Theorien aus unterschiedlichen Disziplinen in einer normierten Sprache miteinander in Beziehung zu setzen. Die verwendete Sprache greift auf logische, mengentheoretische und mathematische Begriffe zurück. Dadurch wird nicht nur Präzision gewonnen. Auch die Übersetzbarkeit zwischen Disziplinen wird erleichtert – etwa von der Psychologie zur Physik oder von der Ökonomie zur Biologie. Im Zentrum stehen die vier Grundbestandteile einer wissenschaftlichen Theorie: die Modellklasse mit den dazugehörigen Hypothesen; die Menge intendierter, realer Systeme, auf die die Theorie angewendet wird; die Klasse von Teilsystemen der Modelle; die Menge von Fakten bzw. Faktensystemen, die empirisch erhoben werden. Allen diesen Komponenten liegt dieselbe abstrakte Struktur zugrunde: Ein Modell besteht aus Grundmengen, Hilfsmengen, Relationen (Beziehungen zwischen Objekten), Funktionen sowie einem festen Regelsatz zur Konstruktion dieser Elemente. Mathematische Objekte, Zahlen und bestimmte symbolische Ausdrücke sind integrale Bestandteile dieser Struktur. Theorien sind untereinander vernetzt. Zwischen ihnen bestehen intertheoretische Relationen– wie Spezialisierung, Theoretisierung oder Reduktion. Diese Beziehungen werden präzise beschrieben; mit ihnen können komplexe Theoriennetzwerke rekonstruieren und analysieren werden. Die empirische Dimension bleibt auch in diesem formalen Rahmen zentral: Der empirische Anspruch– also die Gültigkeit einer Theorie im Hinblick auf die Realität – kann für jede Theorie in derselben Form ausgedrückt werden. Dabei gilt: Die Faktensysteme einer Theorie sollen zu Modellen ergänzt werden können. Die Überprüfung dieses Anspruchs folgt einem allgemeinen Prozess, der in allen Wissenschaften ähnlich verläuft. Die hier entwickelte Begrifflichkeit eröffnet eine neue Perspektive auf die Wissenschaftstheorie. Trotz aller Unterschiede zwischen den Fachgebieten wird sichtbar, dass es eine gemeinsame Form wissenschaftlicher Erkenntnis gibt. Sie ist präzise beschreibbar – und damit auch analysierbar und vergleichbar. Trotz der teilweise unterschiedlichen Sichtweisen haben diese Disziplinen auch etwas gemeinsam, was wir hier klar beschrieben haben.