Mit der Diagnose eines Fachkräftemangels wird man in diesen Tagen kaum auf Widerspruch stoßen. Dabei müsste es aber überraschen, dass auch in stark neoklassisch geprägten Diskursen und eingebettet in neoklassischen Fachbeiträgen häufig von einem Fachkräftemangel die Rede ist, denn ein solch normatives Konzept passt systematisch nicht in die – zumindest gemäß ihrem Selbstverständnis – normativ enthaltsame orthodoxe Theorie. Vielmehr wäre zu erwarten, dass in orthodoxer Perspektive ein „Fachkräftemangel“ lediglich als Symptom eines ungleichgewichtigen Lohns gedeutet wird. Damit wäre dies lediglich ein temporärer Nachfrageüberhang, dessen Überwindung lediglich einen Lohnanstieg erfordert. Dieser Beitrag geht der Frage nach, auf welche verborgenen Werturteile die Rede vom Fachkräftemangel in orthodoxen Diskursen schließen und wie sich erklären lässt, dass dieser Begriff vonseiten der orthodoxen Ökonomik trotz offenkundiger Inkonsistenz mit den eigenen theoretischen Grundlagen kaum infrage gestellt und regelmäßig affirmativ verwendet wird. Eine Analyse von Aussagen in einschlägigen Publikationen führt zu dem Ergebnis, dass die Rede vom Fachkräftemangel eine normative Vorfestlegung zugunsten von Wirtschaftswachstum offenbart, die in Widerspruch zum selbstbekundeten Respekt vor individuellen Präferenzen und zur vermeintlichen Unvoreingenommenheit gegenüber verschiedenen inhaltlichen Zielsetzungen steht. Dies wird besonders deutlich, wenn als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel zwar Verzicht auf Freizeit bei Teilzeitbeschäftigten gefordert wird, aber nicht spiegelbildlich Verzicht auf Überkonsum bei Bezieher:innen hoher Einkommen. Auch wenn dieser Befund nicht überraschend sein mag, kann seine Herleitung Aufschluss darüber geben, welche konkreten Annahmen, Überlegungen und Argumente den jeweiligen normativen Wertungen zugrunde liegen.

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Normative Offenbarungen in der Rede vom Fachkräftemangel in Diskursen der orthodoxen Ökonomik

  • Johannes Hirata

摘要

Mit der Diagnose eines Fachkräftemangels wird man in diesen Tagen kaum auf Widerspruch stoßen. Dabei müsste es aber überraschen, dass auch in stark neoklassisch geprägten Diskursen und eingebettet in neoklassischen Fachbeiträgen häufig von einem Fachkräftemangel die Rede ist, denn ein solch normatives Konzept passt systematisch nicht in die – zumindest gemäß ihrem Selbstverständnis – normativ enthaltsame orthodoxe Theorie. Vielmehr wäre zu erwarten, dass in orthodoxer Perspektive ein „Fachkräftemangel“ lediglich als Symptom eines ungleichgewichtigen Lohns gedeutet wird. Damit wäre dies lediglich ein temporärer Nachfrageüberhang, dessen Überwindung lediglich einen Lohnanstieg erfordert. Dieser Beitrag geht der Frage nach, auf welche verborgenen Werturteile die Rede vom Fachkräftemangel in orthodoxen Diskursen schließen und wie sich erklären lässt, dass dieser Begriff vonseiten der orthodoxen Ökonomik trotz offenkundiger Inkonsistenz mit den eigenen theoretischen Grundlagen kaum infrage gestellt und regelmäßig affirmativ verwendet wird. Eine Analyse von Aussagen in einschlägigen Publikationen führt zu dem Ergebnis, dass die Rede vom Fachkräftemangel eine normative Vorfestlegung zugunsten von Wirtschaftswachstum offenbart, die in Widerspruch zum selbstbekundeten Respekt vor individuellen Präferenzen und zur vermeintlichen Unvoreingenommenheit gegenüber verschiedenen inhaltlichen Zielsetzungen steht. Dies wird besonders deutlich, wenn als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel zwar Verzicht auf Freizeit bei Teilzeitbeschäftigten gefordert wird, aber nicht spiegelbildlich Verzicht auf Überkonsum bei Bezieher:innen hoher Einkommen. Auch wenn dieser Befund nicht überraschend sein mag, kann seine Herleitung Aufschluss darüber geben, welche konkreten Annahmen, Überlegungen und Argumente den jeweiligen normativen Wertungen zugrunde liegen.