Bildungsideale werden insbesondere in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Pädagogik als problematisch angesehen. Dazu hat die Erfahrung, dass klassische Bildungsideale kaum gegen die Barbarei des Nationalsozialismus gefeit haben, wesentlich beigetragen. Tendenziell seit Rousseau aber verstärkt in der zweiten Hälfte des 20. Jh. haben sich deshalb als Bildungszielbeschreibungen in der Erziehungswissenschaft (anders als im öffentlichen Diskurs oder in der Internationalen Erziehungswissenschaft) vor allem formale Bildungsbegriffe durchgesetzt, die als „Bildungsidee“ bezeichnet worden sind. Solche formalen Bildungsideen sind von inhaltlichen Zielsetzungen weitestgehend frei und bestimmen das Ziel der Bildung im Prozess der selbstverändernden Auseinandersetzung mit Welt – ohne aber jenseits formaler Kategorien bestimmen zu wollen, was ‚gute‘ oder ‚schlechte‘ Veränderungen sind. Der Artikel stellt die Frage, ob der weitgehende Verzicht auf inhaltliche Bildungszielbeschreibungen im beginnenden 21. Jh. noch angemessen ist, wenn einerseits die ökologische Situation des Planeten für das gesellschaftliche Überleben der Menschheit immer bedrohlicher wird und andererseits Konzepte eines nicht selbstzerstörerischen Zusammenlebens durchaus bekannt sind, sie also auch Ziel von Vermittlungsbemühungen sein können. Sollten solche Konzepten nicht auch in der Bildungszielbeschreibung Berücksichtigung finden? So plausibel der Gedanke auch scheint, so ist damit zugleich ein Indoktrinationsvorbehalt verbunden, der im Bereich der Politischen Bildung mit dem ‚Beutelsbacher Konsens‘ am deutlichsten formuliert wurde. Somit diskutiert der Artikel das Problem, wie Indoktrination vermieden und zugleich inhaltliche Kriterien von Bildungszielbeschreibungen formuliert werden können. Vorgeschlagen wird nicht ein neues Bildungsideal, aber ein undogmatischerer Umgang mit Bildungszielbeschreibungen, die auch inhaltliche Aspekte, z. B. des guten Lebens (Buen Vivir) enthalten sollten und zugleich die Indoktrinationsgefahr berücksichtigen.

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Die Rückkehr der Bildungsideale?

  • Henning Schluß

摘要

Bildungsideale werden insbesondere in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Pädagogik als problematisch angesehen. Dazu hat die Erfahrung, dass klassische Bildungsideale kaum gegen die Barbarei des Nationalsozialismus gefeit haben, wesentlich beigetragen. Tendenziell seit Rousseau aber verstärkt in der zweiten Hälfte des 20. Jh. haben sich deshalb als Bildungszielbeschreibungen in der Erziehungswissenschaft (anders als im öffentlichen Diskurs oder in der Internationalen Erziehungswissenschaft) vor allem formale Bildungsbegriffe durchgesetzt, die als „Bildungsidee“ bezeichnet worden sind. Solche formalen Bildungsideen sind von inhaltlichen Zielsetzungen weitestgehend frei und bestimmen das Ziel der Bildung im Prozess der selbstverändernden Auseinandersetzung mit Welt – ohne aber jenseits formaler Kategorien bestimmen zu wollen, was ‚gute‘ oder ‚schlechte‘ Veränderungen sind. Der Artikel stellt die Frage, ob der weitgehende Verzicht auf inhaltliche Bildungszielbeschreibungen im beginnenden 21. Jh. noch angemessen ist, wenn einerseits die ökologische Situation des Planeten für das gesellschaftliche Überleben der Menschheit immer bedrohlicher wird und andererseits Konzepte eines nicht selbstzerstörerischen Zusammenlebens durchaus bekannt sind, sie also auch Ziel von Vermittlungsbemühungen sein können. Sollten solche Konzepten nicht auch in der Bildungszielbeschreibung Berücksichtigung finden? So plausibel der Gedanke auch scheint, so ist damit zugleich ein Indoktrinationsvorbehalt verbunden, der im Bereich der Politischen Bildung mit dem ‚Beutelsbacher Konsens‘ am deutlichsten formuliert wurde. Somit diskutiert der Artikel das Problem, wie Indoktrination vermieden und zugleich inhaltliche Kriterien von Bildungszielbeschreibungen formuliert werden können. Vorgeschlagen wird nicht ein neues Bildungsideal, aber ein undogmatischerer Umgang mit Bildungszielbeschreibungen, die auch inhaltliche Aspekte, z. B. des guten Lebens (Buen Vivir) enthalten sollten und zugleich die Indoktrinationsgefahr berücksichtigen.