Menschen in Wohnungslosigkeit leben in sozialer und gesundheitlicher Benachteiligung. Viele von ihnen verfügen über keine Krankenversicherung. Der Zugang in die medizinische Regelversorgung bleibt häufig verwehrt. Ersatzweise erfolgt die Versorgung in niedrigschwelligen, spenden- oder wohlfahrtsstaatlich finanzierten Gesundheitseinrichtungen. Notaufnahmen von Krankenhäusern werden ebenfalls in Anspruch genommen. Im Fokus des Beitrags stehen zwei spezifische Berliner Versorgungssettings. Anhand retrospektiv erhobener medizinischer und soziodemografischer Daten aus Patient:innenakten der Jahre 2006–2020 wird die sich wandelnde Patient:innenpopulation sichtbar gemacht und ihre Versorgungsbedarfe exploriert (n = 3338). So zeigt sich im zeitlichen Verlauf eine Zunahme des Anteils nicht-deutscher Patient:innen, gleichzeitig nimmt die Inanspruchnahme älterer Menschen zu und es verfügen deutlich weniger Menschen über eine Krankenversicherung. Versorgt wurden häufig Verletzungen, Erkrankungen der Haut sowie infektiöse und parasitäre Erkrankungen. Im Besonderen Erkrankungen der Haut haben in der untersuchten Gesundheitseinrichtung in den letzten zehn Jahren an Bedeutung gewonnen. Vier von fünf der im Krankenhaus versorgten Patient:innen wurden mit Empfehlung für eine ambulante oder stationäre Weiterbehandlung entlassen. Derartige anschließende Versorgungsangebote existieren bisher kaum. Das Auftreten psychiatrischer Erkrankungen wird aufgrund unzureichender Screenings in den beschriebenen Settings und fehlender spezialisierter Hilfsangebote in den Daten bisher unterschätzt. Dies stellt ein bedeutendes Handlungsfeld für die Zukunft dar. Der Abschnitt schließt mit konkreten Überlegungen zur Gestaltung von Versorgungspraxis und Präventionsangeboten. Im letzten Teil werden methodische und forschungsethische Reflexionen zur Nutzbarkeit primärer und sekundärer Forschungsdaten im Feld formuliert. Diese können als Orientierung für weiterführende Forschungsvorhaben dienen.

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Wohnungslosigkeit und Gesundheit. Einblicke in ein niedrigschwelliges Berliner Gesundheitszentrum und methodische Reflexionen

  • Daniel Schindel,
  • Renate Karpenko

摘要

Menschen in Wohnungslosigkeit leben in sozialer und gesundheitlicher Benachteiligung. Viele von ihnen verfügen über keine Krankenversicherung. Der Zugang in die medizinische Regelversorgung bleibt häufig verwehrt. Ersatzweise erfolgt die Versorgung in niedrigschwelligen, spenden- oder wohlfahrtsstaatlich finanzierten Gesundheitseinrichtungen. Notaufnahmen von Krankenhäusern werden ebenfalls in Anspruch genommen. Im Fokus des Beitrags stehen zwei spezifische Berliner Versorgungssettings. Anhand retrospektiv erhobener medizinischer und soziodemografischer Daten aus Patient:innenakten der Jahre 2006–2020 wird die sich wandelnde Patient:innenpopulation sichtbar gemacht und ihre Versorgungsbedarfe exploriert (n = 3338). So zeigt sich im zeitlichen Verlauf eine Zunahme des Anteils nicht-deutscher Patient:innen, gleichzeitig nimmt die Inanspruchnahme älterer Menschen zu und es verfügen deutlich weniger Menschen über eine Krankenversicherung. Versorgt wurden häufig Verletzungen, Erkrankungen der Haut sowie infektiöse und parasitäre Erkrankungen. Im Besonderen Erkrankungen der Haut haben in der untersuchten Gesundheitseinrichtung in den letzten zehn Jahren an Bedeutung gewonnen. Vier von fünf der im Krankenhaus versorgten Patient:innen wurden mit Empfehlung für eine ambulante oder stationäre Weiterbehandlung entlassen. Derartige anschließende Versorgungsangebote existieren bisher kaum. Das Auftreten psychiatrischer Erkrankungen wird aufgrund unzureichender Screenings in den beschriebenen Settings und fehlender spezialisierter Hilfsangebote in den Daten bisher unterschätzt. Dies stellt ein bedeutendes Handlungsfeld für die Zukunft dar. Der Abschnitt schließt mit konkreten Überlegungen zur Gestaltung von Versorgungspraxis und Präventionsangeboten. Im letzten Teil werden methodische und forschungsethische Reflexionen zur Nutzbarkeit primärer und sekundärer Forschungsdaten im Feld formuliert. Diese können als Orientierung für weiterführende Forschungsvorhaben dienen.