In diesem Kapitel wird der Aufbau visueller Gestaltungsraster im historischen Kontext analysiert und am Beispiel der Werke von bekannten bildenden Künstlern und frühen Experimentalfilmern erläutert. Einleitend wird dargestellt, wie sich bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts in der europäischen Kultur bei der Suche nach einer neuen Formensprache eine Kunstform entwickelte, die sich bei einer radikalen Abkehr von den realistisch gemalten Tafelbildern den elementarsten Prinzipien des visuellen Gestaltens widmete. Die Gemälde solcher geometrischen Abstraktionen sind in der Regel strikt flächig-geometrisch aufgebaut und bestehen aus einfachen geometrischen Grundformen, deren systematische Struktur und visuelle Ordnung den essentiellen Regeln des Gestaltens entspricht. In diesem Kontext wird erläutert, worin sich beim Gestaltungsprozess die visuelle Konstruktion von der Komposition unterscheidet und weshalb die Gestaltungslehre des Bauhauses diese systematische Konstruktion favorisiert und ihr eine größere kreative Leistung beimisst als der visuellen Komposition. Darauf aufbauend wird dargestellt, warum die visuelle Montage auch den Aspekt des Bauens beinhaltet, explizit als konstruktiver Akt zu bewerten ist und daher insbesondere für die neuen gestalterischen Ausdrucksformen der Fotografie und des Films relevant ist. Anschließend wird untersucht, welche tragende Rolle die Mathematik und die Geometrie im künstlerischen Schaffensprozess „Konkreter Kunst“ spielen, worin deren spezielle Bildsprache besteht und auf welche Weise dabei aus systematisch angeordneten Farbflächen klar strukturierte Farbräume entstehen, deren visuelle Darstellung zwar ungegenständlich ist, aber dennoch nicht als abstrakt bezeichnet werden kann, da dabei nichts Reales abstrahiert, sondern vielmehr Ideelles materialisiert wird. Es werden zahlreiche Anwendungsbeispiele illustriert, die nachweisbare Analogien zum Systemischen Design grafischer Benutzeroberflächen aufweisen. Am Beispiel namhafter Autoren des „Absoluten Films“ wird dokumentiert, wie an deren frühen filmischen Experimenten bereits die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in der visuellen Sprache von bewegten Bildern erkennbar ist und sich als fruchtbare Symbiose bildender Kunst und Filmkunst offenbart. Damit wird nachgewiesen, dass die Gestaltungslösungen der Konkreten Malerei und des Absoluten Films auch Gemeinsamkeiten mit der systematischen Gestaltung von grafischen Benutzeroberflächen und deren systemischem Design aufweisen, die veranschaulicht und didaktisch nachvollziehbar erläutert werden.

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Visuelle Gestaltungsgrundlagen im historischen Kontext

  • Thomas Moritz

摘要

In diesem Kapitel wird der Aufbau visueller Gestaltungsraster im historischen Kontext analysiert und am Beispiel der Werke von bekannten bildenden Künstlern und frühen Experimentalfilmern erläutert. Einleitend wird dargestellt, wie sich bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts in der europäischen Kultur bei der Suche nach einer neuen Formensprache eine Kunstform entwickelte, die sich bei einer radikalen Abkehr von den realistisch gemalten Tafelbildern den elementarsten Prinzipien des visuellen Gestaltens widmete. Die Gemälde solcher geometrischen Abstraktionen sind in der Regel strikt flächig-geometrisch aufgebaut und bestehen aus einfachen geometrischen Grundformen, deren systematische Struktur und visuelle Ordnung den essentiellen Regeln des Gestaltens entspricht. In diesem Kontext wird erläutert, worin sich beim Gestaltungsprozess die visuelle Konstruktion von der Komposition unterscheidet und weshalb die Gestaltungslehre des Bauhauses diese systematische Konstruktion favorisiert und ihr eine größere kreative Leistung beimisst als der visuellen Komposition. Darauf aufbauend wird dargestellt, warum die visuelle Montage auch den Aspekt des Bauens beinhaltet, explizit als konstruktiver Akt zu bewerten ist und daher insbesondere für die neuen gestalterischen Ausdrucksformen der Fotografie und des Films relevant ist. Anschließend wird untersucht, welche tragende Rolle die Mathematik und die Geometrie im künstlerischen Schaffensprozess „Konkreter Kunst“ spielen, worin deren spezielle Bildsprache besteht und auf welche Weise dabei aus systematisch angeordneten Farbflächen klar strukturierte Farbräume entstehen, deren visuelle Darstellung zwar ungegenständlich ist, aber dennoch nicht als abstrakt bezeichnet werden kann, da dabei nichts Reales abstrahiert, sondern vielmehr Ideelles materialisiert wird. Es werden zahlreiche Anwendungsbeispiele illustriert, die nachweisbare Analogien zum Systemischen Design grafischer Benutzeroberflächen aufweisen. Am Beispiel namhafter Autoren des „Absoluten Films“ wird dokumentiert, wie an deren frühen filmischen Experimenten bereits die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in der visuellen Sprache von bewegten Bildern erkennbar ist und sich als fruchtbare Symbiose bildender Kunst und Filmkunst offenbart. Damit wird nachgewiesen, dass die Gestaltungslösungen der Konkreten Malerei und des Absoluten Films auch Gemeinsamkeiten mit der systematischen Gestaltung von grafischen Benutzeroberflächen und deren systemischem Design aufweisen, die veranschaulicht und didaktisch nachvollziehbar erläutert werden.