Chancen und Barrieren der psychoonkologischen Versorgung aus der Perspektive von Krebspatient:innen und Angehörigen im Kontext der COVID-19-Pandemie. Eine qualitative Interviewstudie mit Fokus auf Handlungsmacht (Agency)
摘要
Führt eine Krebserkrankung für Betroffene schon allein zu existenziellen Umbrüchen und Ängsten, stellten die durch COVID-19 bedingten Maßnahmen zusätzliche psychosoziale Belastungen dar. Das Forschungsinteresse der qualitativen Interviewstudie, die im Mai bis Juli 2020 am Universitätsklinikum Freiburg durchgeführt wurde, lag in der Rekonstruktion des Erlebens von Handlungsmacht bei Krebspatient:innen bzw. deren Angehörigen im Kontext der COVID-19-Pandemie. In Abhängigkeit von der jeweiligen Krankheitsphase (Erstdiagnose, Behandlungsphase, Remission, Rezidiv, Palliativphase) wurde untersucht, wie die betroffenen Familien die COVID-19 Situation und die damit einhergehenden Maßnahmen wahrnehmen und welche Unterstützungsbedarfe sie benennen. Im Mittelpunkt der Auswertung stand die Frage, wie die Krebsbetroffenen Handlungsmacht im Zuge der COVID-19-Pandemie herstellen und welche Ressourcen dafür mobilisiert werden. Die Ergebnisse zeigen u. a. auf, dass nicht der Pandemie an sich, sondern den damit verbundenen Maßnahmen Wirkmacht zugeschrieben wurde und das Erleben von subjektiver Handlungsmacht einschränkte. Die Restriktionen erschwerten den weiteren Therapieverlauf, verhinderten Regenerationsphasen und führten zu einem erhöhten subjektiven Stressempfinden. Die veränderte familiäre Situation (Homeschooling, Mehrfachbelastung), Einkommensverluste und der Wegfall von Unterstützungsangeboten erhöhten das subjektive Belastungserleben. Im Beitrag wird erörtert, inwiefern „vulnerable“ (Patient:innen-)Gruppen in Krisenzeiten besonders zu würdigen sind und welchen Beitrag eine qualitative Sozialforschung für die Ausgestaltung psychoonkologischer Unterstützungsangebote für Patient:innen und Angehörige im Kontext von Pandemien leisten kann.