Laut (Abu Raiya et al., The International Journal for the Psychology of Religion 18:291–315, 2008) nutzen Muslim*innen in Lebenskrisen drei religiöse Bewältigungsstrategien. Günstige Strategien gehen mit höherer Resilienz und weniger Stresserleben einher; ein gegenläufiger Zusammenhang zeigt sich bei dysfunktionalen religiösen Bewältigungsstrategien. In fünf halbstandardisierten Interviews mit Hanafit*innen haben wir die Beziehung zwischen einem praktizierten Islam und der individuellen Resilienz in Lebenskrisen untersucht. Neben den (Abu Raiya et al., The International Journal for the Psychology of Religion 18:291–315, 2008) beschriebenen Copingstrategien wurden weitere islamische Konzepte nach (Fahm, Journal of Religion & Spirituality in Social Work: Social Thought 38:259–280, 2019) integriert und in einer qualitativen Inhaltsanalyse induktiv angereichert. Die Ergebnisse zeigen hypothesenkonform, dass positive religiöse Bewältigung mit erhöhter Belastbarkeit verbunden ist, während religiöses Ringen mit geringerer Resilienz einhergeht. Negative religiöse Bewältigung war für unsere muslimischen Teilnehmer*innen jedoch entgegen der Annahme nicht konsistent mit geringerer Resilienz oder einem vermehrten Stresserleben verbunden. Denn diese Bewältigungsstrategie wird nicht als negativ erlebt, wenn die Situation als lehrreich oder sinnvoll interpretiert wird. Vertrauen in Gott sowie Dankbarkeit und Geduld spielen eine zentrale Rolle in der Bewältigung von Lebenskrisen. Weitere günstige Bewältigungsstrategien sind das Pflichtgebet, das Fasten und die Orientierung an Regeln und Verboten. Aus Beratungsperspektive wird im Umgang mit Extremismusprävention daher empfohlen, die Häufigkeit und Art der genutzten religiösen Bewältigungsstrategien gezielt zu erfragen und in die Beratung zu integrieren, um Resilienz fördernde Strategien zu verstärken und andere kritische Strategien im Blick zu behalten.

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Der Islam als Bewältigungsstrategie. Interviews zur Rolle des Glaubens in Lebenskrisen

  • Mert Türk,
  • Marius Raab

摘要

Laut (Abu Raiya et al., The International Journal for the Psychology of Religion 18:291–315, 2008) nutzen Muslim*innen in Lebenskrisen drei religiöse Bewältigungsstrategien. Günstige Strategien gehen mit höherer Resilienz und weniger Stresserleben einher; ein gegenläufiger Zusammenhang zeigt sich bei dysfunktionalen religiösen Bewältigungsstrategien. In fünf halbstandardisierten Interviews mit Hanafit*innen haben wir die Beziehung zwischen einem praktizierten Islam und der individuellen Resilienz in Lebenskrisen untersucht. Neben den (Abu Raiya et al., The International Journal for the Psychology of Religion 18:291–315, 2008) beschriebenen Copingstrategien wurden weitere islamische Konzepte nach (Fahm, Journal of Religion & Spirituality in Social Work: Social Thought 38:259–280, 2019) integriert und in einer qualitativen Inhaltsanalyse induktiv angereichert. Die Ergebnisse zeigen hypothesenkonform, dass positive religiöse Bewältigung mit erhöhter Belastbarkeit verbunden ist, während religiöses Ringen mit geringerer Resilienz einhergeht. Negative religiöse Bewältigung war für unsere muslimischen Teilnehmer*innen jedoch entgegen der Annahme nicht konsistent mit geringerer Resilienz oder einem vermehrten Stresserleben verbunden. Denn diese Bewältigungsstrategie wird nicht als negativ erlebt, wenn die Situation als lehrreich oder sinnvoll interpretiert wird. Vertrauen in Gott sowie Dankbarkeit und Geduld spielen eine zentrale Rolle in der Bewältigung von Lebenskrisen. Weitere günstige Bewältigungsstrategien sind das Pflichtgebet, das Fasten und die Orientierung an Regeln und Verboten. Aus Beratungsperspektive wird im Umgang mit Extremismusprävention daher empfohlen, die Häufigkeit und Art der genutzten religiösen Bewältigungsstrategien gezielt zu erfragen und in die Beratung zu integrieren, um Resilienz fördernde Strategien zu verstärken und andere kritische Strategien im Blick zu behalten.