Wehrdienstverweigerung – ein Menschenrecht? Juristische Regelungen und Normen in Europa
摘要
Es gibt eine lange Tradition des Pazifismus in der christlichen Denktradition, die allerdings lebenspraktisch fast immer nur in „Dissenter“-Gemeinschaften vorherrschend war (vgl. Cortright 2009, S. 195 ff.). Die großen Kirchen, die über Jahrhunderte mit dem (Fürsten-)Staat in enger Symbiose standen, beäugten diese pazifistischen Strömungen mit Misstrauen, ja verfolgten sie oft als Ketzergruppen. Die herrschende Interpretation der Zwei-Reiche-Lehre ließ den militärischen Dienst als Obliegenheit gegenüber dem Herrscher in weltlichen Dingen erscheinen (vgl. Huber 1987, Sp. 1872 f.). Das Aufkommen des modernen Nationalstaates im 19. Jahrhundert hat die affirmative Haltung der Kirchen zum Militärdienst eher noch bestärkt, erschien doch nun der Wehrdienst als patriotische Pflicht gegenüber der Bürgernation, das Sich-Entziehen unter Berufung auf fundamentalpazifistische Überzeugungen als Drückebergerei. Diese Denkhaltung hat das Selbstverständnis liberaldemokratischer Gesellschaften bis weit in das 20. Jahrhundert hinein geprägt.