Nicht erst seit der Veröffentlichung des so genannten Sylt-Videos, nicht erst seit Bekanntgabe des Umstands, dass die Präsidentin der TU Berlin mehrere ‚Likes‘ für Antisemitische Tweets in Social Media vergeben hat, nicht erst, seit Filmsequenzen und Standbilder von militärischen und antihumanitären Aktionen im Gazastreifen verbreitet werden, nicht erst, seit sich unzählige Menschen aufgefordert fühlen, auf die politische Großwetterlage weniger mit friedlichen Protesten als vielmehr mit Gewalttaten zu reagieren: israelkritische Parolen und antijüdische Äußerungen sind Ausdruck einer zynischen Einstellung, die sich in der deutschen Bevölkerung mit anwachsender Deutlichkeit ausbreitet. Und obwohl es mitunter noch scheint, als gäbe es hinreichend Kräfte, um jede Form von Antisemitismus auf der Grundlage freiheitlich-demokratischer Leitwerte der Gesellschaft zivilcouragiert und reflektiert zu ächten, werden antisemitisch begründete Straftaten zunehmend registriert – während es zu den seltsameren Umständen der letzten zwei Dekaden gehört, dass sich die Angehörigen einer anti-antisemitisch aufgestellten Protestkultur offenkundig darauf beschränken, ihre besondere Befindlichkeit in Momentaufnahmen zu artikulieren, ohne sich nachhaltig zu positionieren und politisch entsprechend wirkmächtig zu assoziieren. „Was ist neu am Antisemitismus der Gegenwart?“, diese wichtig gebliebene Forschungsfrage muss unbedingt auch auf eine Erkundung des Doppelphänomens abzielen, dass ein womöglich renovierter Antisemitismus eben nicht nur als brandgefährlich und bedrohlich verstanden werden kann, sondern auch mit Themen, Verhaltensmustern, Denkbildern und Motiven aufwartet, die der Eigendarstellung und Präsentation von Subjekten insofern dienlich sind, als sie sich mit Praktiken öffentlicher Distanzierung und Verfemung selbstinszenieren. Von daher wird auch die konventionelle Fixierung auf den traditionellen „gesellschaftlichen Resonanzraum, in dem Antisemitismus verhandelt wird“, mit der Einsicht zu korrigieren sein, dass man es längst mit einem gesellschaftlichen Resonanzgroßraum zu tun hat, der völlig disparat ist, weil er gegensätzliche Einstellungen in sich ventiliert: Normativ unformatiert und moralisch unübersichtlich ist dieser gesellschaftliche Resonanzraum dahingehend, dass in ihm antisemitische Motive, israelfeindliche Statements und judenverachtende Weltbilder einerseits kommuniziert und gepflegt, andererseits (und andernorts, jedoch zugleich) kritisch reflektiert und sozial geächtet werden können. Dies korrespondiert auf sonderliche Weise mit dem Tatbestand, dass sich beachtliche Diskurse, quasi abgestimmt auf die Regelwerke der Medienkulturen, einerseits auf das Abendprogramm, andererseits auf das Smartphone haben verlegen lassen; sie sind geradezu verabschiedet worden in die (virtuellen, digitalen und feuilletonistischen) Sektoren des Moderierten und Unterhaltsamen, wo (teil-)anonymisierte Kommentator:innen hinter kunstvollen Avataren bzw. mit alternativen Identitäten, mitunter auch Künstler:innen, Schauspieler:innen und Politiker:innen unter Zuhilfenahme postfaktischer Argumente das Antisemitische wie auch das Anti-Antisemitische performieren. Ist das vielleicht gar das verhöhnend Neue am Antisemitismus, nämlich: dass er sich geradezu spielerisch-unterhaltsam in Segmente und Milieus der zivilen Gesellschaft hineintrivialisiert – und genau dort zu einer größeren Bedrohung für aufgeklärte Leitwerte der Demokratie werden kann, wo man sich ihm nur mit inszenierten Empörungsrufen entgegenstellt, die letztlich seiner Popularisierung dienlich werden können?

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Unterhaltsamer Antisemitismus?

  • Frank Thomas Brinkmann,
  • Malte Dominik Krüger

摘要

Nicht erst seit der Veröffentlichung des so genannten Sylt-Videos, nicht erst seit Bekanntgabe des Umstands, dass die Präsidentin der TU Berlin mehrere ‚Likes‘ für Antisemitische Tweets in Social Media vergeben hat, nicht erst, seit Filmsequenzen und Standbilder von militärischen und antihumanitären Aktionen im Gazastreifen verbreitet werden, nicht erst, seit sich unzählige Menschen aufgefordert fühlen, auf die politische Großwetterlage weniger mit friedlichen Protesten als vielmehr mit Gewalttaten zu reagieren: israelkritische Parolen und antijüdische Äußerungen sind Ausdruck einer zynischen Einstellung, die sich in der deutschen Bevölkerung mit anwachsender Deutlichkeit ausbreitet. Und obwohl es mitunter noch scheint, als gäbe es hinreichend Kräfte, um jede Form von Antisemitismus auf der Grundlage freiheitlich-demokratischer Leitwerte der Gesellschaft zivilcouragiert und reflektiert zu ächten, werden antisemitisch begründete Straftaten zunehmend registriert – während es zu den seltsameren Umständen der letzten zwei Dekaden gehört, dass sich die Angehörigen einer anti-antisemitisch aufgestellten Protestkultur offenkundig darauf beschränken, ihre besondere Befindlichkeit in Momentaufnahmen zu artikulieren, ohne sich nachhaltig zu positionieren und politisch entsprechend wirkmächtig zu assoziieren. „Was ist neu am Antisemitismus der Gegenwart?“, diese wichtig gebliebene Forschungsfrage muss unbedingt auch auf eine Erkundung des Doppelphänomens abzielen, dass ein womöglich renovierter Antisemitismus eben nicht nur als brandgefährlich und bedrohlich verstanden werden kann, sondern auch mit Themen, Verhaltensmustern, Denkbildern und Motiven aufwartet, die der Eigendarstellung und Präsentation von Subjekten insofern dienlich sind, als sie sich mit Praktiken öffentlicher Distanzierung und Verfemung selbstinszenieren. Von daher wird auch die konventionelle Fixierung auf den traditionellen „gesellschaftlichen Resonanzraum, in dem Antisemitismus verhandelt wird“, mit der Einsicht zu korrigieren sein, dass man es längst mit einem gesellschaftlichen Resonanzgroßraum zu tun hat, der völlig disparat ist, weil er gegensätzliche Einstellungen in sich ventiliert: Normativ unformatiert und moralisch unübersichtlich ist dieser gesellschaftliche Resonanzraum dahingehend, dass in ihm antisemitische Motive, israelfeindliche Statements und judenverachtende Weltbilder einerseits kommuniziert und gepflegt, andererseits (und andernorts, jedoch zugleich) kritisch reflektiert und sozial geächtet werden können. Dies korrespondiert auf sonderliche Weise mit dem Tatbestand, dass sich beachtliche Diskurse, quasi abgestimmt auf die Regelwerke der Medienkulturen, einerseits auf das Abendprogramm, andererseits auf das Smartphone haben verlegen lassen; sie sind geradezu verabschiedet worden in die (virtuellen, digitalen und feuilletonistischen) Sektoren des Moderierten und Unterhaltsamen, wo (teil-)anonymisierte Kommentator:innen hinter kunstvollen Avataren bzw. mit alternativen Identitäten, mitunter auch Künstler:innen, Schauspieler:innen und Politiker:innen unter Zuhilfenahme postfaktischer Argumente das Antisemitische wie auch das Anti-Antisemitische performieren. Ist das vielleicht gar das verhöhnend Neue am Antisemitismus, nämlich: dass er sich geradezu spielerisch-unterhaltsam in Segmente und Milieus der zivilen Gesellschaft hineintrivialisiert – und genau dort zu einer größeren Bedrohung für aufgeklärte Leitwerte der Demokratie werden kann, wo man sich ihm nur mit inszenierten Empörungsrufen entgegenstellt, die letztlich seiner Popularisierung dienlich werden können?