Opfer und Täter – Täter und Opfer
摘要
Lange Zeit wurden Fragen der Tatbeteiligung von Opfern oder ehemaligen Opfern bzw. der Viktimisierung von Straftäterinnen und Straftätern vor, während oder nach der Tat in der Kriminalitätsforschung vernachlässigt, wenngleich die vielfältigen Verbindungen zwischen aktiver Tatbegehung und Viktimisierung bekannt sind. Obwohl aus den verschiedenen Forschungssträngen darauf geschlossen werden kann, dass sich der aktuelle Status von Opfern bzw. Täterinnen und Tätern häufig ändert und dass sich diese Rollen mitunter überschneiden, werden die beiden Gruppen in der empirischen Forschung regelmäßig getrennt. Nachfolgend werden sechs straftatliche (Mit-)Wirkungskonstellationen identifiziert, in den Kontext der einschlägigen Theorien gestellt sowie relevante Befunde aus der Delinquenz- und Rückfallforschung und den einschlägigen (Re-)Viktimisierungsstudien zusammengetragen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei Erkenntnissen der Gewaltforschung, mit Fokus auf elterlicher Gewalt, Partnerschaftsgewalt und Gewalt im Strafvollzug. Weitere belangvolle Bezüge werden aus zahlreichen Forschungsergebnissen zur selbstberichteten Delinquenz Jugendlicher extrahiert. Abschließend werden exemplarische Forschungslücken aufgezeigt, die über ihre wissenschaftliche Relevanz hinaus auch Implikationen für die Rechtspolitik haben können: wie etwa die potenzielle (Un-)Zufriedenheit von Opfern mit der Strafjustiz oder alternativen Konfliktregelungsmodellen. In einschlägigen Evaluationsstudien wird das Legalverhalten ehemaliger Opfer bislang nicht adressiert. Das Plädoyer für eine systematischere, komplementäre Berücksichtigung der Opferperspektive soll auch ein Beitrag zur (weiteren) Ent-Mythologisierung der Opfer im gesellschaftlichen Diskurs sein.