Psychosoziale Prozessbegleitung als professionelles Unterstützungsangebot für (minderjährige) Zeuginnen und Zeugen im Strafverfahren – eine qualitative Erhebung
摘要
Mit dem am 21.12.2015 verabschiedeten 3. Opferrechtsreformgesetz (3. OpferRRG) besteht gemäß § 406g Strafprozessordnung (StPO) seit dem 01.01.2017 ein Rechtsanspruch auf kostenlose Psychosoziale Prozessbegleitung für besonders schutzbedürftige Verletzte von Gewalt- und Sexualdelikten. Da hinsichtlich der Auswirkungen der Psychosozialen Prozessbegleitung auf das Strafverfahren sowie auf das Erleben der Verfahrensbeteiligten ein Forschungsdefizit zu konstatieren ist, werden diese Fragestellungen in dem vorliegenden Beitrag untersucht. Er basiert auf einer Studie, in der im Rahmen eines qualitativen Ansatzes 20 Interviews mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Psychosoziale Prozessbegleitung sowie Polizei und Justiz (Gericht, Staatsanwaltschaft, Nebenklagevertretung und Strafverteidigung) geführt worden sind. Zusammenfassend ist als Forschungsergebnis festzuhalten, dass ein Strafverfahren aus einer Vielzahl von Belastungen für die Verletzten besteht. Als Reduktionsoption wurde die Psychosoziale Prozessbegleitung hervorgehoben. Mit Blick auf ausgewählte psychologische und viktimologische Theorien lässt sich diese als Coping-Methode konzeptualisieren, die die Verletzten bei der Neubewertung der Situation unterstützen, dadurch potenziell zu einem posttraumatischen Wachstum beitragen und Prozessen der tertiären Viktimisierung entgegenwirken kann (Kiefl und Lamnek 1986; Lazarus und Folkman 1984; Maercker und Augsburger 2019). Die Erfahrungen der interviewten Expertinnen und Experten verweisen darauf, dass sich die Psychosoziale Prozessbegleitung bisher nicht etablieren konnte. Optimierungspotenzial ergibt sich u. a. bei der Informationsvermittlung sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit.