Behaupten, was man nicht ist – Über das tägliche Ritual des Pressebriefings der Kommission: Ulrich Ladurner, Die Zeit
摘要
Als ich das erste Mal in den Pressesaal der EU-Kommission im Berlaymont-Gebäude kam, war ich überrascht, wie groß er ist, mit seinen breiten, weichen Sesseln, dem riesigen Bildschirm, den verglasten Kabinen für die Simultanübersetzer, dem Orchestergraben vor der Bühne mit den Rednerpulten. In diesem „Graben“ sitzen meist junge, sehr gut gekleidete, vielsprachige, sehr gut ausgebildete Mitglieder des Presseteams der Kommission sowie Beamte mit besonderen Fachkenntnissen zu den Themen, die an diesem Tag zur Sprache kommen könnten. Der Chefpressesprecher begrüßt zuerst die anwesenden Journalisten, dann liest er die Terminkalender der Präsidentin vor: „Die Präsidentin ist heute …“ zum Beispiel in Malta, oder in Litauen, oder in Griechenland, nicht selten ist sie auch in einem Nicht-EU-Land, in Tunesien etwa, in der Türkei, im Libanon. Es werden Gespräche geführt, Verhandlungen aufgenommen, Abkommen unterzeichnet, Hilfen versprochen. Das Programm der Präsidentin ist immer ein Mammutprogramm. Stellt ein Journalist eine spezifische Frage zu einem Thema, also sagen wir: ob es denn stimme, dass für den Bau eines Flughafens im bulgarischen Varna EU-Gelder in Millionenhöhe geflossen seien, oder dass die griechischen Grenzbehörden Migranten ins Meer geworfen hätten, ruft der Chefpressesprecher der Kommission Kollegen auf die Bühne, die dafür zuständig sind. Sie oder er steigt dann aus dem Orchestergraben auf die Bühne, ein Aktenbündel auf dem Arm, geht an das Rednerpult und beantwortet die Fragen. Sobald das Thema erschöpfend abgehandelt worden ist, geht er oder sie wieder zurück in den Orchestergraben zu seinen Kollegen.