Warum Brüssel ein großartiger Standort für Agenturjournalismus ist: Ansgar Haase, Deutsche Presseagentur
摘要
Es ist der 16. Juli 2018, der zweite Tag eines Nato-Gipfels in Brüssel. Gemeinsam mit Hunderten anderen Journalistinnen und Journalisten aus der ganzen Welt sitze ich am Tagungsort im Pressezentrum unweit des Hauptquartiers des Verteidigungsbündnisses und warte darauf, dass die letzte Arbeitssitzung endet und die Pressekonferenzen beginnen. Routinemäßig kontaktiere ich zwischendurch Quellen und frage, wie die Gespräche laufen. Große Hoffnung darauf, besonders Aufregendes zu erfahren, habe ich nicht. Schließlich sind zu der Sitzung Vertreter der Nato-Beitrittskandidatenländer Georgien und Ukraine eingeladen und in solchen Runden werden in der Regel keine heiklen Themen besprochen. Doch dann kommt auf einmal alles ganz anders. Auf meine Frage nach dem Verlauf der Arbeitssitzung zögert eine Quelle kurz, berichtet dann aber merklich schockiert, was sich gerade im Tagungssaal zugetragen hat. Der amerikanische Präsident Donald Trump habe die Sitzung genutzt, um anzukündigen, „sein eigenes Ding“ zu machen, sollten Deutschland und die anderen Bündnispartner nicht sofort ihre Verteidigungsaufgaben auf zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts erhöhen, erzählt sie. Wohl so gut wie jeder im Raum habe dies als Drohung verstanden, im Zweifelsfall einen Austritt der Vereinigen Staaten aus der Nato anzustreben. Wenn diese Information wahr wäre, wäre das eine Eilmeldung, Breaking News. Doch natürlich reicht eine Quelle, die namentlich nicht genannt werden darf, für eine so brisante Nachricht nicht aus. Also kontaktiere ich weitere Quellen, und frage sie, ob sie die Äußerungen Trumps bestätigen können. Wenige Minuten später gibt es drei klare Ja und ich formuliere die Eilmeldung, die den bis dato traurigen Höhepunkt in der Transatlantik-Politik Trumps darstellt. Der Präsident des mächtigsten Nato-Staates droht mit dem Austritt der Vereinigten Staaten, eine Eskalation, die das Ende der größten Militärallianz der Welt und für Europa einen massiven Verlust an Sicherheit bedeuten könnte. Mit zittrigen Fingern schicke ich die Eilmeldung zum Redigieren und zur Sendung in den Ticker weiter nach Berlin. Wenig später ist Trumps Drohung weltweit Gesprächsthema. Erst mit einer kurzfristig anberaumten Krisensitzung kann beim Nato-Gipfel noch dafür gesorgt werden, dass Trump die Äußerung öffentlich nicht noch einmal wiederholt und so noch größeren Schaden für das Bündnis anrichtet. Die Nato übersteht letztlich die gesamte erste Amtszeit des Republikaners. Doch 2025 sind die Sorgen sind die Sorgen auf einmal wieder da. Trump fordert von den Alliierten kurz nach seiner Wiederwahl Verteidigungsausgaben in Höhe von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Ausgang der Geschichte ist plötzlich wieder völlig offen.