Wenn die Wissenschaft ihren Blick auf Radikalismus/Extremismus richtet, bemüht sie vielfach den Begriff des Ressentiments, um entsprechende Prozesse zu erklären. Trotz der Bedeutung, die dem Phänomen beigemessen wird, mangelt es an einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihm sowie seinem Stellenwert in Radikalisierungsprozessen. Das Projekt Ressentiment („Ressentiment als affektive Grundlage von Radikalisierung“) begegnet diesem Desiderat in mehreren qualitativen und quantitativen Studien. Um der Komplexität des Phänomens Rechnung zu tragen, beleuchten wir Ressentiment aus verschiedenen Blickwinkeln: Wir betrachten sowohl seine Erscheinungsformen als auch die sozialen und individuellen Bedingungen wie Kränkungserfahrungen, die seine Ausbildung begünstigen. Welche Rolle diese Affektlagen für einen Radikalisierungsprozess spielen können, steht ebenso im Fokus wie die Frage nach der Verbreitung eines Ressentiments unter Muslim:innen. Insgesamt zeigen sich bemerkenswerte Erkenntnisse: Wir finden durchweg eine Differenzierung zwischen sozialer Lage und Affektlage, zwischen konkreter Erfahrung und abstraktem Narrativ, zwischen individuellem Gefühl und „Wir“-Gefühl. Opferdiskurse spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie individuelle Kränkungen mit gemeinschaftlichem Sinn aufladen und radikalisierende Narrative begünstigen können. Dennoch müssen Kränkungsgefühle nicht notwendig in eine verfestigte Affektlage des Ressentiments hineinführen; ebenso wenig muss Ressentiment in jedem Fall einen Nährboden für Radikalisierungen bedeuten. Das Projekt verdeutlicht jedoch, dass Ressentiment ein zentraler Risikofaktor für die Radikalisierung von Muslim:innen in Deutschland ist.

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Kränkungserfahrungen, Ressentiment und Radikalisierung in der muslimischen Bevölkerung

  • Evelyn Bokler,
  • Sarah Demmrich,
  • Özkan Ezli,
  • Mouhanad Khorchide,
  • Olaf Müller,
  • Detlef Pollack,
  • Levent Tezcan

摘要

Wenn die Wissenschaft ihren Blick auf Radikalismus/Extremismus richtet, bemüht sie vielfach den Begriff des Ressentiments, um entsprechende Prozesse zu erklären. Trotz der Bedeutung, die dem Phänomen beigemessen wird, mangelt es an einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihm sowie seinem Stellenwert in Radikalisierungsprozessen. Das Projekt Ressentiment („Ressentiment als affektive Grundlage von Radikalisierung“) begegnet diesem Desiderat in mehreren qualitativen und quantitativen Studien. Um der Komplexität des Phänomens Rechnung zu tragen, beleuchten wir Ressentiment aus verschiedenen Blickwinkeln: Wir betrachten sowohl seine Erscheinungsformen als auch die sozialen und individuellen Bedingungen wie Kränkungserfahrungen, die seine Ausbildung begünstigen. Welche Rolle diese Affektlagen für einen Radikalisierungsprozess spielen können, steht ebenso im Fokus wie die Frage nach der Verbreitung eines Ressentiments unter Muslim:innen. Insgesamt zeigen sich bemerkenswerte Erkenntnisse: Wir finden durchweg eine Differenzierung zwischen sozialer Lage und Affektlage, zwischen konkreter Erfahrung und abstraktem Narrativ, zwischen individuellem Gefühl und „Wir“-Gefühl. Opferdiskurse spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie individuelle Kränkungen mit gemeinschaftlichem Sinn aufladen und radikalisierende Narrative begünstigen können. Dennoch müssen Kränkungsgefühle nicht notwendig in eine verfestigte Affektlage des Ressentiments hineinführen; ebenso wenig muss Ressentiment in jedem Fall einen Nährboden für Radikalisierungen bedeuten. Das Projekt verdeutlicht jedoch, dass Ressentiment ein zentraler Risikofaktor für die Radikalisierung von Muslim:innen in Deutschland ist.