Extremer sozialer Rückzug (ESR) wird in Japan seit den 1980er Jahren als Hikikomori beschrieben und ist dort mittlerweile gut untersucht. Typischerweise beginnt der Rückzug im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter und seine Ursachen werden multifaktoriell verortet. Als kulturspezifisch werden u.a. kollektivistische Werte, gesellschaftlicher Anpassungsdruck, Leistungsdruck in Schule und Beruf, ein unsicherer Arbeitsmarkt, enge familiäre Bindungen und ein übliches relativ langes Verbleiben im elterlichen Haushalt diskutiert. Im vergangenen Jahrzehnt wurden Forschungen zu ESR international massiv verstärkt und inzwischen ist anerkannt, dass er v.a. bei jungen Menschen global auftritt und zunimmt, auch vor dem Hintergrund der Covid-Pandemie und den diversen Krisen, mit denen diese Generation aktuell konfrontiert ist. In Deutschland liegen bisher kaum empirische Befunde zu diesem Phänomen vor. In einer zweischrittigen Studie wurden psychosoziale Fachkräfte standardisiert sowie Angehörige von Personen im ESR über vertiefende Interviews befragt. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen individueller Psychopathologie, dysfunktionalen familiären Dynamiken und belastenden gesellschaftlichen Umständen erfordern eine adäquate Unterstützung der Zurückgezogenen und ihrer Familien. Hier könnten ein Umgang mit und die Intervention bei ESR im Sinne eines „nicht-psychiatrierenden“ japanischen Hikikomori auch für westlich orientierte Länder zielführend sein. Vor diesem Hintergrund werden bestehende und wünschenswerte Formate des deutschen Gesundheits- und Sozialsystems diskutiert.

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

Fazit und Ausblick: Leben im extremen sozialen Rückzug in Deutschland

  • Sabina Stelzig,
  • Katja Weidtmann,
  • Patrick Wöckel,
  • Yasmin Hill

摘要

Extremer sozialer Rückzug (ESR) wird in Japan seit den 1980er Jahren als Hikikomori beschrieben und ist dort mittlerweile gut untersucht. Typischerweise beginnt der Rückzug im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter und seine Ursachen werden multifaktoriell verortet. Als kulturspezifisch werden u.a. kollektivistische Werte, gesellschaftlicher Anpassungsdruck, Leistungsdruck in Schule und Beruf, ein unsicherer Arbeitsmarkt, enge familiäre Bindungen und ein übliches relativ langes Verbleiben im elterlichen Haushalt diskutiert. Im vergangenen Jahrzehnt wurden Forschungen zu ESR international massiv verstärkt und inzwischen ist anerkannt, dass er v.a. bei jungen Menschen global auftritt und zunimmt, auch vor dem Hintergrund der Covid-Pandemie und den diversen Krisen, mit denen diese Generation aktuell konfrontiert ist. In Deutschland liegen bisher kaum empirische Befunde zu diesem Phänomen vor. In einer zweischrittigen Studie wurden psychosoziale Fachkräfte standardisiert sowie Angehörige von Personen im ESR über vertiefende Interviews befragt. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen individueller Psychopathologie, dysfunktionalen familiären Dynamiken und belastenden gesellschaftlichen Umständen erfordern eine adäquate Unterstützung der Zurückgezogenen und ihrer Familien. Hier könnten ein Umgang mit und die Intervention bei ESR im Sinne eines „nicht-psychiatrierenden“ japanischen Hikikomori auch für westlich orientierte Länder zielführend sein. Vor diesem Hintergrund werden bestehende und wünschenswerte Formate des deutschen Gesundheits- und Sozialsystems diskutiert.