Vertrauen ist ohne Zweifel ein anthropologischer Grundbegriff, der Philosophie und Ethik seit der Antike beschäftigt und in religiösen Traditionen zentral ist. Versucht man eine Art Übersicht zu Begriff und Phänomen des Vertrauens, dann zeigt sich schnell, dass die begriffliche Vielfalt zwischen griech. πίστις, lat./ital. fiducia (zuweilen eng verknüpft mit fides), engl. trust und franz. confiance ein weites Bedeutungsspektrum eröffnet. Eine frühe und bis ins 21. Jahrhundert hinein besonders wirkmächtige Begriffsentwicklung findet sich in der protestantischen Theologie, weil Melanchthon den Begriff der fiducia seit den Loci communes (1997) zum Zentralbegriff evangelischer Glaubenslehre erhoben hat und über die bis heute wegweisende exakte Relationierung von notitia, assensus und fiducia ausdifferenziert (Melanchthon 1997). Melanchthon folgt darin Luthers Akzentuierung der individuellen Glaubensbeziehung zu Gott, die als Gnadengeschenk wahrgenommen und im Herzen erfahrbar werde, mit allen Konsequenzen, die dies für ein moralisches Leben in der Nachfolge und im Geist Jesu Christi bedeutete. Die formelhafte Reduktion seines Ansatzes auf den Dreiklang notitia, assensus und fiducia verdankt sich der folgenden Rezeptionsgeschichte in der Altprotestantischen Orthodoxie (Schmid 1893, § 41, S. 296–306, Anm. 6 und 10). Für die künftige philosophische Entwicklung ist die Begriffsarbeit Melanchthons deshalb von bleibender und bis in die Gegenwart uneingeholter Bedeutung, weil er nicht nur als Theologe argumentiert hat, sondern die intellektuell häufig unpräzise Theologie Luthers weiterentwickelt und für die philosophische Anthropologie anschlussfähig gemacht hat (Frank 1996). Er gehört bis heute zu den wenigen Autoren, die das Zusammenspiel von Rationalität (ratio), Willensfähigkeit (voluntas) und Emotions- bzw. Affektenlehre (affectus) sowohl unter konstitutiver Einbeziehung der Affekte als auch der passiven Erfahrungsdimension im Sinne des elementaren Zukommens oder Sich-Einstellens des Vertrauens bearbeitet haben (Richter 2012, S. 209–242). Die folgende Darstellung der philosophischen Begriffsentwicklung zeigt, dass die konstruktive Integration der Affekte bzw. Emotionen (Landweer und Renz 2008) durch den Rationalismus der frühen Aufklärung zunächst in den Hintergrund oder mit mystischen Traditionen an den Rand gedrängt worden und in hoher Explizitheit erst im 20. Jahrhundert durch die Psychoanalyse und deren Konsequenzen für die jüngere Emotionsforschung wieder zu Bewusstsein gekommen ist. (Jüngere Emotionstheorien, die für den philosophischen Vertrauensdiskurs aufschlussreich sind, finden sich z. B. bei: Baier 1991; Damasio 1999; de Sousa 1987; Ekman und Davidson 1994; Goldie 2002, S. 4–25; Nussbaum 2000; Rorty 1982, S. 157–172; Solomon 1993; Solomon und Calhoun 1984; Solomon 2003).

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Vertrauen aus ethischer Sicht

  • Cornelia Richter

摘要

Vertrauen ist ohne Zweifel ein anthropologischer Grundbegriff, der Philosophie und Ethik seit der Antike beschäftigt und in religiösen Traditionen zentral ist. Versucht man eine Art Übersicht zu Begriff und Phänomen des Vertrauens, dann zeigt sich schnell, dass die begriffliche Vielfalt zwischen griech. πίστις, lat./ital. fiducia (zuweilen eng verknüpft mit fides), engl. trust und franz. confiance ein weites Bedeutungsspektrum eröffnet. Eine frühe und bis ins 21. Jahrhundert hinein besonders wirkmächtige Begriffsentwicklung findet sich in der protestantischen Theologie, weil Melanchthon den Begriff der fiducia seit den Loci communes (1997) zum Zentralbegriff evangelischer Glaubenslehre erhoben hat und über die bis heute wegweisende exakte Relationierung von notitia, assensus und fiducia ausdifferenziert (Melanchthon 1997). Melanchthon folgt darin Luthers Akzentuierung der individuellen Glaubensbeziehung zu Gott, die als Gnadengeschenk wahrgenommen und im Herzen erfahrbar werde, mit allen Konsequenzen, die dies für ein moralisches Leben in der Nachfolge und im Geist Jesu Christi bedeutete. Die formelhafte Reduktion seines Ansatzes auf den Dreiklang notitia, assensus und fiducia verdankt sich der folgenden Rezeptionsgeschichte in der Altprotestantischen Orthodoxie (Schmid 1893, § 41, S. 296–306, Anm. 6 und 10). Für die künftige philosophische Entwicklung ist die Begriffsarbeit Melanchthons deshalb von bleibender und bis in die Gegenwart uneingeholter Bedeutung, weil er nicht nur als Theologe argumentiert hat, sondern die intellektuell häufig unpräzise Theologie Luthers weiterentwickelt und für die philosophische Anthropologie anschlussfähig gemacht hat (Frank 1996). Er gehört bis heute zu den wenigen Autoren, die das Zusammenspiel von Rationalität (ratio), Willensfähigkeit (voluntas) und Emotions- bzw. Affektenlehre (affectus) sowohl unter konstitutiver Einbeziehung der Affekte als auch der passiven Erfahrungsdimension im Sinne des elementaren Zukommens oder Sich-Einstellens des Vertrauens bearbeitet haben (Richter 2012, S. 209–242). Die folgende Darstellung der philosophischen Begriffsentwicklung zeigt, dass die konstruktive Integration der Affekte bzw. Emotionen (Landweer und Renz 2008) durch den Rationalismus der frühen Aufklärung zunächst in den Hintergrund oder mit mystischen Traditionen an den Rand gedrängt worden und in hoher Explizitheit erst im 20. Jahrhundert durch die Psychoanalyse und deren Konsequenzen für die jüngere Emotionsforschung wieder zu Bewusstsein gekommen ist. (Jüngere Emotionstheorien, die für den philosophischen Vertrauensdiskurs aufschlussreich sind, finden sich z. B. bei: Baier 1991; Damasio 1999; de Sousa 1987; Ekman und Davidson 1994; Goldie 2002, S. 4–25; Nussbaum 2000; Rorty 1982, S. 157–172; Solomon 1993; Solomon und Calhoun 1984; Solomon 2003).