Zu den weniger bekannten Grundsatzkontroversen in den deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften des frühen 20. Jahrhunderts zählt die Debatte zwischen systematischer und historischer Soziologie um die Wissenschaftsgestalt des sich akademisch etablierenden neuen Fachs zur Zeit der Weimarer Republik. Als Reaktion auf ein Pamphlet des Historikers Georg von BelowBelow, Georg von präsentieren Leopold v. WieseWiese, Leopold von und Alfred VierkandtVierkandt, Alfred die Position einer an die formale Soziologie SimmelsSimmel, Georg anschließenden einzelwissenschaftlichen systematischen Soziologie. Andere wie Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst, Franz OppenheimerOppenheimer, Franz, Alfred WeberWeber, Alfred und Karl MannheimMannheim, Karl konzipieren Soziologie als historisch-soziologische Zeitdiagnostik mit dem Zweck, einen Beitrag zur Überwindung der „Gegenwartskrise“ zu leisten. Beide Seiten sind von der Überlegenheit ihres eigenen Konzepts überzeugt, aber sehen ihre Ansätze als komplementär an. Hans FreyersFreyer, Hans Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft gibt der Diskussion eine neue, zuspitzende Wendung. Die Kontroverse bricht mit der nationalsozialistischen Machtergreifung unabgeschlossen ab. Seit den 1950er-Jahren gilt die historische Soziologie als unwissenschaftliche „Geschichts- und Sozialphilosophie“, aber es finden sich noch Spuren des Diskurses der Zwischenkriegszeit.

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Systematische oder Historische Soziologie? Zu einer Kontroverse in den Sozialwissenschaften der Zwischenkriegszeit in Deutschland

  • Volker Kruse

摘要

Zu den weniger bekannten Grundsatzkontroversen in den deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften des frühen 20. Jahrhunderts zählt die Debatte zwischen systematischer und historischer Soziologie um die Wissenschaftsgestalt des sich akademisch etablierenden neuen Fachs zur Zeit der Weimarer Republik. Als Reaktion auf ein Pamphlet des Historikers Georg von BelowBelow, Georg von präsentieren Leopold v. WieseWiese, Leopold von und Alfred VierkandtVierkandt, Alfred die Position einer an die formale Soziologie SimmelsSimmel, Georg anschließenden einzelwissenschaftlichen systematischen Soziologie. Andere wie Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst, Franz OppenheimerOppenheimer, Franz, Alfred WeberWeber, Alfred und Karl MannheimMannheim, Karl konzipieren Soziologie als historisch-soziologische Zeitdiagnostik mit dem Zweck, einen Beitrag zur Überwindung der „Gegenwartskrise“ zu leisten. Beide Seiten sind von der Überlegenheit ihres eigenen Konzepts überzeugt, aber sehen ihre Ansätze als komplementär an. Hans FreyersFreyer, Hans Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft gibt der Diskussion eine neue, zuspitzende Wendung. Die Kontroverse bricht mit der nationalsozialistischen Machtergreifung unabgeschlossen ab. Seit den 1950er-Jahren gilt die historische Soziologie als unwissenschaftliche „Geschichts- und Sozialphilosophie“, aber es finden sich noch Spuren des Diskurses der Zwischenkriegszeit.