Ferdinand Tönnies’ Kritik der Öffentlichen Meinung von 1922
摘要
Die Kritik der Öffentlichen Meinung (im Folgenden abgekürzt KÖM) von 1922 ist eine spezielle Entfaltung des schon im Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft 1887 ausgearbeiteten Konzeptes von Soziologie als Wissenschaft von gewollten sozialen Bündnissen in Hinsicht auf die öffentliche Meinung als prägender geistiger Macht der Neuzeit. TönniesTönnies, Ferdinand beobachtet und beschreibt die Gesetzmäßigkeiten ihrer empirischen Formgebung und Wirkung und verdeutlicht ihre Beziehungen zur Religion als analoges Vorgängerinstitut. Er gewinnt seine zentralen Begriffe durch semantische Analyse der Alltagssprache sowie im Kontext einer historischen Bestandsaufnahme. Öffentliche Meinung ist der mentale Ausdruck eines „gesellschaftlichen“, d. h. zweckrationalen „Kürwillens“, der das moralische Leben einer politisch verbundenen Gesamtheit nachhaltig prägt, indem sie wie ein unsichtbarer Gerichtshof Handlungen und Denkweisen beurteilt. Gegenstand der KÖM ist primär „die“ öffentliche Meinung, als einheitliche Kraft und Wille im Urteil; ihr handelnder Träger ist das „Publikum“, eine nur geistig verbundene Elite. Tönnies differenziert die öffentliche Meinung in feste, flüssige und luftige Meinung, die in der Empirie miteinander verquickt sind. Die „feste“ konzentriert Aufklärungs-, Naturrechts- und Humanitätsstandards, die flüssige den Zeitgeist, die luftige die Tagesmeinung. Ist „die“ öffentliche Meinung fest genug, übernimmt sie in Gegenwart und Zukunft die moralisch verpflichtende und sozial befriedende Funktion der Religion.