Angeblich verdankt sich die Entdeckung des „Prinzips der Nachhaltigkeit“ dem sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714), der diese Idee vor ziemlich genau 300 Jahren ins Zentrum seiner Schrift zur Sicherung der forstlichen Produktion für den Bergbau gestellt haben soll, als er von „nachhaltender Nutzung“ sprach. Einhundert Jahre später ist die gesamte Wortfamilie der „Nachhaltigkeit“ in der deutschen Sprache fest etabliert. Tatsächlich bedeutet die Formulierung von Carlowitz, dass sie die Funktionalisierung des Begriffs als Fahnenwort („nachhaltende Nutzung“) bestimmter Interessengruppen ermöglichte. Das Fahnenwort lenkte Aufmerksamkeit auf einen Zustand, der von interessierter Seite als allgemeines Problem dargestellt wurde (zeitgenössisch als „Holznot“ bezeichnet), obwohl es zunächst nur die Interessen einer bestimmten Gruppe berührte (Bergwerksbetreiber). Infolge der Propaganda gab es die ‚plötzliche‘ Entdeckung dieses nachteilig empfundenen Zustandes auch in zahlreichen anderen Bereichen, womit das Fahnenwort alltagswirksam wurde. Denn Holz war unentbehrlich, als Werkholz, Brennholz und Bauholz. Gefördert wurde diese Vision zunächst von den ökonomischen Eliten. Das Gefühl des drohenden oder erlebten Mangels fand dann auch emotional Bestätigung durch ein Leben nahe am Existenzminimum, das auf viele Menschen des 18. Jahrhunderts zutraf. Einzig die Sonne ist, in den Dimensionen der menschlichen Existenz gesprochen, eine unerschöpfliche Energiequelle (Abb. 7.1).

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Die Natur als Vorbild? oder Nachhaltigkeit als Konstrukt

  • Bernd Herrmann

摘要

Angeblich verdankt sich die Entdeckung des „Prinzips der Nachhaltigkeit“ dem sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714), der diese Idee vor ziemlich genau 300 Jahren ins Zentrum seiner Schrift zur Sicherung der forstlichen Produktion für den Bergbau gestellt haben soll, als er von „nachhaltender Nutzung“ sprach. Einhundert Jahre später ist die gesamte Wortfamilie der „Nachhaltigkeit“ in der deutschen Sprache fest etabliert. Tatsächlich bedeutet die Formulierung von Carlowitz, dass sie die Funktionalisierung des Begriffs als Fahnenwort („nachhaltende Nutzung“) bestimmter Interessengruppen ermöglichte. Das Fahnenwort lenkte Aufmerksamkeit auf einen Zustand, der von interessierter Seite als allgemeines Problem dargestellt wurde (zeitgenössisch als „Holznot“ bezeichnet), obwohl es zunächst nur die Interessen einer bestimmten Gruppe berührte (Bergwerksbetreiber). Infolge der Propaganda gab es die ‚plötzliche‘ Entdeckung dieses nachteilig empfundenen Zustandes auch in zahlreichen anderen Bereichen, womit das Fahnenwort alltagswirksam wurde. Denn Holz war unentbehrlich, als Werkholz, Brennholz und Bauholz. Gefördert wurde diese Vision zunächst von den ökonomischen Eliten. Das Gefühl des drohenden oder erlebten Mangels fand dann auch emotional Bestätigung durch ein Leben nahe am Existenzminimum, das auf viele Menschen des 18. Jahrhunderts zutraf. Einzig die Sonne ist, in den Dimensionen der menschlichen Existenz gesprochen, eine unerschöpfliche Energiequelle (Abb. 7.1).