Appunns Tonometer. Zu den Politiken eines zeitkritischen akustischen Interfaces im Phonogramm-Archiv Berlin
摘要
Der Artikel diskutiert die medienspezifischen Politiken des Appunn’schen Tonometers – und die damit einhergehende tonmetrische Praxis – im Phonogramm-Archiv Berlin um 1900. Dieser Apparat stellt ein akustisches Interface dar, das zwischen dem Phonographen und den darauf erklingenden nichtwestlichen Musiken auf der einen Seite sowie den wissenschaftlichen, spezialisierten Hörsubjekten auf der anderen Seite vermittelte. Die durch eine bestimmte Form der „Zeitachsenmanipulation“ (Kittler, Draculas Vermächtnis. Reclam, Leipzig, S 182–207, 1993) am Phonographen angehaltenen Töne konnten durch das Interface als Mikrozeitereignis – nämlich als Frequenz – auditiv bestimmt und somit die verschiedenen Tonleitern nichtwestlicher Musiken extrahiert werden. Anhand der Erläuterung der konkreten tonometrischen Praxis zeigt der Artikel zunächst, inwiefern die auditive Adressierung des Phonographentons eine stets zeitkritisch vermittelte machtpolitische Relation aus erfassenden Forscher:innen und erfassten Musiken etablierte, die sich einerseits durch die Affordanz des Interface, andererseits durch die benötigten Hörfähigkeiten ergab. Im Anschluss daran wird erläutert, inwiefern das akustische Interface eine „contact zone“ eröffnete, in der Forscher:innen des globalen Nordens nichtwestliche Musiken als epistemische Ressourcen ausbeuten konnten, wodurch die Musiken jedoch auch „agency“ erlangen konnten, da sie sich ihrer apparativen Erfassung widersetzten.