Im Mittelpunkt des Beitrags steht das Konzept der legitimen Sprache, dessen zentraler Stellenwert innerhalb der Sprachsoziologie Pierre Bourdieus herausgearbeitet wird. Dafür werden Bourdieus (genuin) sprachsoziologische Arbeiten einer rekonstruktiven Lektüre unterzogen. Grundsätzlich zielt der Begriff der legitimen Sprache auf die Analyse sprachlicher Herrschaftsverhältnisse und die Bewertungsdimension von Sprache, auf die Tatsache, dass Sprachen oder sprachliche Varietäten einen sozialen Wert haben, dass sie in den Augen der sozialen Akteure als richtig oder falsch, besser oder schlechter, angemessen oder unangemessen, eben als legitim oder illegitim gelten können. Die Schriftsprache nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein: Sie ist – darauf laufen Bourdieus Analysen hinaus – die legitime Sprache der modernen Nationalstaaten mit ihren Verwaltungsstrukturen und Bildungsinstitutionen, zu denen der Zugang nur durch den Erwerb der schriftsprachlichen Ressourcen möglich ist. Aufgrund der hohen Verweisdichte innerhalb des konzeptuellen Rasters der Bourdieuschen Theorie sind mit der legitimen Sprache zugleich weitere zentrale sprachsoziologische Konzepte berührt, darunter die symbolische Gewalt, der sprachliche Habitus oder das sprachliche Kapital, die ihrerseits mit prominenten Konzepten in Bourdieus Soziologie insgesamt verknüpft sind. Insofern versteht sich der Beitrag auch als eine Einführung in das Bourdieusche Sprachdenken. Dabei bildet die Frage nach der Anwendbarkeit des Konzepts der legitimen Sprache auf die im vorliegenden Sammelband verhandelten Problemstellungen den Horizont der Relektüre. Sie wird im letzten Teil explizit aufgegriffen: Was ist für die Rezeption zu beachten, wenn man die Schriftsprache und den Zugang zur Schriftkultur (Literacy) unter dem begrifflichen Banner der legitimen Sprache analysiert?

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Schriftsprache als legitime Sprache. Reflexionen über ein zentrales Konzept in Pierre Bourdieus Sprachsoziologie

  • Karsten Schmidt

摘要

Im Mittelpunkt des Beitrags steht das Konzept der legitimen Sprache, dessen zentraler Stellenwert innerhalb der Sprachsoziologie Pierre Bourdieus herausgearbeitet wird. Dafür werden Bourdieus (genuin) sprachsoziologische Arbeiten einer rekonstruktiven Lektüre unterzogen. Grundsätzlich zielt der Begriff der legitimen Sprache auf die Analyse sprachlicher Herrschaftsverhältnisse und die Bewertungsdimension von Sprache, auf die Tatsache, dass Sprachen oder sprachliche Varietäten einen sozialen Wert haben, dass sie in den Augen der sozialen Akteure als richtig oder falsch, besser oder schlechter, angemessen oder unangemessen, eben als legitim oder illegitim gelten können. Die Schriftsprache nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein: Sie ist – darauf laufen Bourdieus Analysen hinaus – die legitime Sprache der modernen Nationalstaaten mit ihren Verwaltungsstrukturen und Bildungsinstitutionen, zu denen der Zugang nur durch den Erwerb der schriftsprachlichen Ressourcen möglich ist. Aufgrund der hohen Verweisdichte innerhalb des konzeptuellen Rasters der Bourdieuschen Theorie sind mit der legitimen Sprache zugleich weitere zentrale sprachsoziologische Konzepte berührt, darunter die symbolische Gewalt, der sprachliche Habitus oder das sprachliche Kapital, die ihrerseits mit prominenten Konzepten in Bourdieus Soziologie insgesamt verknüpft sind. Insofern versteht sich der Beitrag auch als eine Einführung in das Bourdieusche Sprachdenken. Dabei bildet die Frage nach der Anwendbarkeit des Konzepts der legitimen Sprache auf die im vorliegenden Sammelband verhandelten Problemstellungen den Horizont der Relektüre. Sie wird im letzten Teil explizit aufgegriffen: Was ist für die Rezeption zu beachten, wenn man die Schriftsprache und den Zugang zur Schriftkultur (Literacy) unter dem begrifflichen Banner der legitimen Sprache analysiert?