Der Beitrag beleuchtet abschliessend die These einer „Gesellschaft der verletzten Seelen»: eine Art sozio-kultureller Mentalitätswandel, der „Gesundheit“ einen im historischen Vergleich bislang unbekannt hohen Stellenwert zuschreibt. Aus der Psychiatrie stammende Konzepte beeinflussen immer durchdringender den gesellschaftlichen Diskurs über psychische Gesundheit und Krankheit. Mit der Diffusion psychiatrischer Konzepte in den Alltag entstehen neue Normalitätsgrenzen, die gesellschaftliche Selbstwahrnehmung prägen und Herausforderungen für Wissenschaft, Politik und Praxis mitbringen. In soziologischer Manier zeigen wir auf, dass diese Entwicklungen sich nicht natürlich ergeben haben, sondern sozial konstruiert sind. Dies zeigt die Analyse der psychiatrischen Wissensordnung, die sich historisch mehrfach gewandelt hat und zunehmend in gesellschaftliche Deutungsmuster eingebettet ist. Während psychiatrische Diagnosen längst auch soziale und politische Funktionen erfüllen, bleibt die Psychiatrie blind für multikausale Perspektiven. Abschließend thematisieren wir Limitationen des Buchbands und bieten Reflexionsansätze für eine künftige Zusammenarbeit zwischen Soziologie und Psychiatrie.

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Psychiatrie und Soziologie: Forschungsperspektiven, Reflexionsangebote, Ausblick und Herausforderungen

  • Martin Harbusch,
  • Dominik Robin,
  • Ernst von Kardorff

摘要

Der Beitrag beleuchtet abschliessend die These einer „Gesellschaft der verletzten Seelen»: eine Art sozio-kultureller Mentalitätswandel, der „Gesundheit“ einen im historischen Vergleich bislang unbekannt hohen Stellenwert zuschreibt. Aus der Psychiatrie stammende Konzepte beeinflussen immer durchdringender den gesellschaftlichen Diskurs über psychische Gesundheit und Krankheit. Mit der Diffusion psychiatrischer Konzepte in den Alltag entstehen neue Normalitätsgrenzen, die gesellschaftliche Selbstwahrnehmung prägen und Herausforderungen für Wissenschaft, Politik und Praxis mitbringen. In soziologischer Manier zeigen wir auf, dass diese Entwicklungen sich nicht natürlich ergeben haben, sondern sozial konstruiert sind. Dies zeigt die Analyse der psychiatrischen Wissensordnung, die sich historisch mehrfach gewandelt hat und zunehmend in gesellschaftliche Deutungsmuster eingebettet ist. Während psychiatrische Diagnosen längst auch soziale und politische Funktionen erfüllen, bleibt die Psychiatrie blind für multikausale Perspektiven. Abschließend thematisieren wir Limitationen des Buchbands und bieten Reflexionsansätze für eine künftige Zusammenarbeit zwischen Soziologie und Psychiatrie.