Mit der Umstrukturierung und Auflösung der psychiatrischen Anstalten nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der Psychiatriereformen hat die Schwelle zwischen Psychiatrie und Gesellschaft neue Formen angenommen. Die vormals räumlich abgegrenzte Institution diffundierte in die Gemeinden, die klare Trennung von Normalität und Pathologie scheint zunehmend zu verschwimmen und "psychische Krankheit" eine moralische Relativierung zu erfahren. Die empirische Untersuchung von Subjektivierungsweisen Psychiatrie-Erfahrener durch narrative Interviews erhob ihre Selbstbeschreibung als "krank". Dabei wurden drei soziale Bedeutungsdimensionen des Krankheitsbegriffs im psychiatrischen Kontext herausgearbeitet: Entlastung, Degradierung und Identifizierung. Sie zeigen, dass trotz der Erosion der Differenz zwischen "gesund" und "psychisch krank" im gesellschaftlichen Diskurs, die herkömmlichen sozialen Konnotationen des Krankheitsbegriffs (Schutz und Ausschluss) erhalten bleiben, sich sogar mittels des diskursiven Angebots einer Identifikation mit psychischer Krankheit (Lebensttil und Identität) tief in die Subjekte einschreiben können. Die Resultate werden vor dem Hintergrund des soziologischen Befunds einer Neugestaltung der Schwelle zwischen drinnen und draußen, normal und krank, diskutiert.

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„Psychische Krankheit“ und Subjektivierung im Wandel – ein Forschungsbericht

  • Karina Korecky

摘要

Mit der Umstrukturierung und Auflösung der psychiatrischen Anstalten nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der Psychiatriereformen hat die Schwelle zwischen Psychiatrie und Gesellschaft neue Formen angenommen. Die vormals räumlich abgegrenzte Institution diffundierte in die Gemeinden, die klare Trennung von Normalität und Pathologie scheint zunehmend zu verschwimmen und "psychische Krankheit" eine moralische Relativierung zu erfahren. Die empirische Untersuchung von Subjektivierungsweisen Psychiatrie-Erfahrener durch narrative Interviews erhob ihre Selbstbeschreibung als "krank". Dabei wurden drei soziale Bedeutungsdimensionen des Krankheitsbegriffs im psychiatrischen Kontext herausgearbeitet: Entlastung, Degradierung und Identifizierung. Sie zeigen, dass trotz der Erosion der Differenz zwischen "gesund" und "psychisch krank" im gesellschaftlichen Diskurs, die herkömmlichen sozialen Konnotationen des Krankheitsbegriffs (Schutz und Ausschluss) erhalten bleiben, sich sogar mittels des diskursiven Angebots einer Identifikation mit psychischer Krankheit (Lebensttil und Identität) tief in die Subjekte einschreiben können. Die Resultate werden vor dem Hintergrund des soziologischen Befunds einer Neugestaltung der Schwelle zwischen drinnen und draußen, normal und krank, diskutiert.