Die therapeutische Wirkung des Erzählens bei der Behandlung mentaler Störungen liegt bereits in der klinischen Psychologie, vor allem in der Psychoanalyse, unumstrittener Weise bewiesen. In der Tat zeigt die Lebenswirklichkeit nur zu häufig Beispiele für den Rückgriff auf Erzählen als Bewältigungsmittel etwa in krisenträchtigen Situationen, die einen längerfristigen Lockdown erfordern. Neuerdings haben die Corona-bedingte Quarantäne sowie die soziale Distanzierung weltweit zur Entstehung einer Krisenliteratur geführt, wodurch der Stellenwert des Erzählens bei der Bewältigung von Krisensituationen wieder in den Vordergrund gerückt wird. Seit dem Novellenzyklus Das Dekameron des italienischen Renaissance-Schriftstellers Giovanni Boccaccio wird diese krisenbewältigende Funktion des Erzählens in der Literatur reflektiert. Diese Funktion wird besonders dadurch zum Ausdruck gebracht, dass in einem Werk dem leidenden Subjekt das Erzählen eigener Krisenerfahrungen in den Mund gelegt wird. Untersucht werden deshalb in diesem Beitrag ausgewählte, in Ich-Form abgefasste Erzähltexte der afrikanischen und der deutschen Literatur, in denen das resilienzstärkende Potenzial des Erzählens von sich selbst in krisenträchtigen Situationen aufgegriffen wird. In einer kontrastiven Analyse von Mariama Bâs Ein so langer Brief, Ahmadou Kouroumas Allah muss nicht gerecht sein, Gottfried Kellers Pankraz, der Schmoller und Anne Franks Das Tagebuch wird auf die Frage eingegangen, inwiefern das Erzählen eigener Erlebnisse in Krisenzeiten zur mentalen Resilienz der erzählenden Figur beiträgt.

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Selbstnarration und Krisenbewältigung. Zum resilienzfördernden Potenzial des Ich-Erzählens im Lichte ausgewählter Erzähltexte

  • Akila Ahouli

摘要

Die therapeutische Wirkung des Erzählens bei der Behandlung mentaler Störungen liegt bereits in der klinischen Psychologie, vor allem in der Psychoanalyse, unumstrittener Weise bewiesen. In der Tat zeigt die Lebenswirklichkeit nur zu häufig Beispiele für den Rückgriff auf Erzählen als Bewältigungsmittel etwa in krisenträchtigen Situationen, die einen längerfristigen Lockdown erfordern. Neuerdings haben die Corona-bedingte Quarantäne sowie die soziale Distanzierung weltweit zur Entstehung einer Krisenliteratur geführt, wodurch der Stellenwert des Erzählens bei der Bewältigung von Krisensituationen wieder in den Vordergrund gerückt wird. Seit dem Novellenzyklus Das Dekameron des italienischen Renaissance-Schriftstellers Giovanni Boccaccio wird diese krisenbewältigende Funktion des Erzählens in der Literatur reflektiert. Diese Funktion wird besonders dadurch zum Ausdruck gebracht, dass in einem Werk dem leidenden Subjekt das Erzählen eigener Krisenerfahrungen in den Mund gelegt wird. Untersucht werden deshalb in diesem Beitrag ausgewählte, in Ich-Form abgefasste Erzähltexte der afrikanischen und der deutschen Literatur, in denen das resilienzstärkende Potenzial des Erzählens von sich selbst in krisenträchtigen Situationen aufgegriffen wird. In einer kontrastiven Analyse von Mariama Bâs Ein so langer Brief, Ahmadou Kouroumas Allah muss nicht gerecht sein, Gottfried Kellers Pankraz, der Schmoller und Anne Franks Das Tagebuch wird auf die Frage eingegangen, inwiefern das Erzählen eigener Erlebnisse in Krisenzeiten zur mentalen Resilienz der erzählenden Figur beiträgt.