John Stuart Mill (1806–1873) zählt in der Geschichte der politischen Ideen zu den führenden Theoretikern des Liberalismus (von Beyme 2013b), den Gründern des modernen politischen und sozialen Denkens (Skorupski 1998) und einem wissenschaftlichen Werk von großer Wirkung (Höntzsch 2024). Das Lob wurde einem Gelehrten zuteil, dessen „Liberaler Republikanismus“ (Buchstein und Seubert 2013, S. 320) sich vom „Konservativen Liberalismus“ und dem „Manchester-Liberalismus“ ebenso abgegrenzt wie vom wirtschaftswissenschaftlichen „libertären Liberalismus“ (Ottmann 2008b, S. 60–62). Mitunter wurde Mill als Vertreter des „Aristokratischen Liberalismus“ gedeutet (Kahan 1992). Auch dafür spricht manches. Doch die Zuordnung bedarf der Präzisierung. Mill ist – wie Tocqueville – ein liberaler Denker und Beobachter der Demokratisierungsvorgänge in Amerika und Europa. Beide analysieren aus unterschiedlichen Perspektiven: Tocqueville aus sozialwissenschaftlich-vergleichendem Blickwinkel (Krause 2017), Mill als Philosoph, Logiker, Theoretiker der Politik und Nationalökonom (Rosen 2013). Lebenserfahrung mit Regimen verschiedenartiger Bauart und unterschiedliche politische Vorlieben kommen hinzu. Tocqueville kannte die Aristokratie und die Welt der aufsteigenden Demokratie aus eigener Anschauung, Berichten und Dokumenten und war keiner von beiden zugetan. Mill hingegen war ein dem englischen Utilitarismus angehörender Liberaler mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, neigte zur Meritokratie, einer der Verdienstadelsherrschaft ähnelnden Leistungsorientierung, und mit zunehmendem Alter zu sozialreformerischen und demokratischen Vorschlägen, die weit über Tocqueville hinausreichten.

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Liberale Theorie der Repräsentativregierung: John Stuart Mill

  • Manfred G. Schmidt

摘要

John Stuart Mill (1806–1873) zählt in der Geschichte der politischen Ideen zu den führenden Theoretikern des Liberalismus (von Beyme 2013b), den Gründern des modernen politischen und sozialen Denkens (Skorupski 1998) und einem wissenschaftlichen Werk von großer Wirkung (Höntzsch 2024). Das Lob wurde einem Gelehrten zuteil, dessen „Liberaler Republikanismus“ (Buchstein und Seubert 2013, S. 320) sich vom „Konservativen Liberalismus“ und dem „Manchester-Liberalismus“ ebenso abgegrenzt wie vom wirtschaftswissenschaftlichen „libertären Liberalismus“ (Ottmann 2008b, S. 60–62). Mitunter wurde Mill als Vertreter des „Aristokratischen Liberalismus“ gedeutet (Kahan 1992). Auch dafür spricht manches. Doch die Zuordnung bedarf der Präzisierung. Mill ist – wie Tocqueville – ein liberaler Denker und Beobachter der Demokratisierungsvorgänge in Amerika und Europa. Beide analysieren aus unterschiedlichen Perspektiven: Tocqueville aus sozialwissenschaftlich-vergleichendem Blickwinkel (Krause 2017), Mill als Philosoph, Logiker, Theoretiker der Politik und Nationalökonom (Rosen 2013). Lebenserfahrung mit Regimen verschiedenartiger Bauart und unterschiedliche politische Vorlieben kommen hinzu. Tocqueville kannte die Aristokratie und die Welt der aufsteigenden Demokratie aus eigener Anschauung, Berichten und Dokumenten und war keiner von beiden zugetan. Mill hingegen war ein dem englischen Utilitarismus angehörender Liberaler mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, neigte zur Meritokratie, einer der Verdienstadelsherrschaft ähnelnden Leistungsorientierung, und mit zunehmendem Alter zu sozialreformerischen und demokratischen Vorschlägen, die weit über Tocqueville hinausreichten.