Dieser Beitrag widmet sich dem Begriff der moralischen Ökonomie, also der gesellschaftlichen Rechtfertigung von Ungleichheit und ob, warum und unter welcher Argumentation Gesellschaften Ungleichheiten akzeptieren. Der Beitrag untersucht am Beispiel Polens und Ungarns wie und warum sich die moralische Ökonomie und Akzeptanz von Ungleichheit unter intellektuellen Eliten ändert. Die liberalen Reformen und der damit verbundene rasante Anstieg der Ungleichheit in den post-kommunistischen Ländern Ostmitteleuropas wurden lange durch eine Moralökonomie und Konsens unter Eliten getragen, die die Konturen und Ergebnisse der Reformen verteidigten. Dieser Elitenkonsens um Marktreformen ist aber im Laufe der 2000er-Jahre zunehmend brüchig geworden und zerbröckelte gerade in Polen und Ungarn, also in den Ländern, die am erfolgreichsten in der Durchführung liberaler Reformen waren. Eine neue moralische Ökonomie ersetzte den früheren Konsens, die nun von rechten Kräften geprägt ist und liberale und linke Ideen konservativen gesellschaftlichen Zielen konsequent unterordnet. Unter Verwendung programmatischer Dokumente, die von rechten politischen Kräften und Think Tanks verfasst wurden, argumentiert dieses Kapitel gegen die These, dass ein bloßer „Sozialpopulismus“ diese neue Moralökonomie charakterisiere. Die Ziele ihrer Befürworter sind nicht einfach der Wahlsieg durch Umverteilungsmaßnahmen, sondern ein tiefer sozialer Wandel gemäß einer hochgradig ideologisierten Perspektive, die versucht, die wahrgenommene Ungerechtigkeit sowohl der kommunistischen als auch der postkommunistischen Periode zu beseitigen. Abschließend geht der Beitrag auf die Gründe ein, warum sich diese Moralökonomie gerade in Polen und Ungarn behaupten konnte und nicht auch in anderen postkommunistischen Ländern.

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Eine rechte Aneignung der „sozialen Frage“?

  • Mihai Varga

摘要

Dieser Beitrag widmet sich dem Begriff der moralischen Ökonomie, also der gesellschaftlichen Rechtfertigung von Ungleichheit und ob, warum und unter welcher Argumentation Gesellschaften Ungleichheiten akzeptieren. Der Beitrag untersucht am Beispiel Polens und Ungarns wie und warum sich die moralische Ökonomie und Akzeptanz von Ungleichheit unter intellektuellen Eliten ändert. Die liberalen Reformen und der damit verbundene rasante Anstieg der Ungleichheit in den post-kommunistischen Ländern Ostmitteleuropas wurden lange durch eine Moralökonomie und Konsens unter Eliten getragen, die die Konturen und Ergebnisse der Reformen verteidigten. Dieser Elitenkonsens um Marktreformen ist aber im Laufe der 2000er-Jahre zunehmend brüchig geworden und zerbröckelte gerade in Polen und Ungarn, also in den Ländern, die am erfolgreichsten in der Durchführung liberaler Reformen waren. Eine neue moralische Ökonomie ersetzte den früheren Konsens, die nun von rechten Kräften geprägt ist und liberale und linke Ideen konservativen gesellschaftlichen Zielen konsequent unterordnet. Unter Verwendung programmatischer Dokumente, die von rechten politischen Kräften und Think Tanks verfasst wurden, argumentiert dieses Kapitel gegen die These, dass ein bloßer „Sozialpopulismus“ diese neue Moralökonomie charakterisiere. Die Ziele ihrer Befürworter sind nicht einfach der Wahlsieg durch Umverteilungsmaßnahmen, sondern ein tiefer sozialer Wandel gemäß einer hochgradig ideologisierten Perspektive, die versucht, die wahrgenommene Ungerechtigkeit sowohl der kommunistischen als auch der postkommunistischen Periode zu beseitigen. Abschließend geht der Beitrag auf die Gründe ein, warum sich diese Moralökonomie gerade in Polen und Ungarn behaupten konnte und nicht auch in anderen postkommunistischen Ländern.