Musils anekdotische Satire Ein Mensch ohne Charakter, die wie eine ironische Miniatur zu seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften wirkt, inszeniert kuriose Experimente mit Charakterrollen im Spannungsfeld von Individualismus und Kollektivismus. Der Aufsatz analysiert diese in der Forschung bisher kaum beachtete Karikatur einer aporetischen Charaktersuche erstmals umfassend vor dem Hintergrund der modernen Identitätskrise und kulturhistorischer Diskurse. Dabei zeigt er die Affinitäten zu Musils Epochenroman und zu seiner ‚Anthropologie der Gestaltlosigkeit‘. Außerdem wird die Satire, die sozialpsychologische, literatursoziologische, psychoanalytische, poetologische und pädagogisch-didaktische Perspektiven nahelegt, mit Konzepten von Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Kretschmer, Klages und Simmel korreliert. Politische Brisanz gewinnt Musils Text, indem er Risiken von Konformismus und kollektiver ‚Charakterlosigkeit‘ im Dienste einer totalitären Disziplinierung enthüllt, die mit seinem Ethos der Kunst als ‚Ideenlaboratorium‘ für neue ‚Seelenformen‘ unvereinbar ist.

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„Charakter [ist] das, wofür man Prügel bekommt, obgleich man es nicht hat“: Zum Spannungsfeld zwischen Sozialisation und Selbstentwurf in Musils Satire Ein Mensch ohne Charakter

  • Barbara Neymeyr

摘要

Musils anekdotische Satire Ein Mensch ohne Charakter, die wie eine ironische Miniatur zu seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften wirkt, inszeniert kuriose Experimente mit Charakterrollen im Spannungsfeld von Individualismus und Kollektivismus. Der Aufsatz analysiert diese in der Forschung bisher kaum beachtete Karikatur einer aporetischen Charaktersuche erstmals umfassend vor dem Hintergrund der modernen Identitätskrise und kulturhistorischer Diskurse. Dabei zeigt er die Affinitäten zu Musils Epochenroman und zu seiner ‚Anthropologie der Gestaltlosigkeit‘. Außerdem wird die Satire, die sozialpsychologische, literatursoziologische, psychoanalytische, poetologische und pädagogisch-didaktische Perspektiven nahelegt, mit Konzepten von Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Kretschmer, Klages und Simmel korreliert. Politische Brisanz gewinnt Musils Text, indem er Risiken von Konformismus und kollektiver ‚Charakterlosigkeit‘ im Dienste einer totalitären Disziplinierung enthüllt, die mit seinem Ethos der Kunst als ‚Ideenlaboratorium‘ für neue ‚Seelenformen‘ unvereinbar ist.