1917 – Epochenbruch und Krise des Humanismus
摘要
In diesem Kapitel möchte ich die Ansichten einiger bedeutender russischer Dichter und Philosophen zur Krise des Humanismus erörtern, insofern diese von der aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangenen Russischen Revolution in Russland selbst entstanden oder erst später in der ihnen aufgezwungenen Emigration in einen breiteren geschichts- und religionsphilosophischen europäischen Kontext gestellt und weiterentwickelt wurden. Die hier angeführten Beispiele russischer Innen- und Außenansichten, die nur eine kleine Auswahl präsentieren, zeugen von einer Interaktion von Literatur und Philosophie in der russischen geistigen Kultur, wie es sie wohl in keiner anderen Kultur des damaligen Europas gab. Russland hatte nicht unmittelbar am europäischen Humanismus teilgenommen; darauf verwies Nikolaj Berdjaev mit der rhetorischen Frage, ob dessen Krise in Sowjetrussland nicht gerade deshalb mit besonderer Härte erfahren wurde, weil die Revolution dort keinen Humanismus zu überwinden hatte. Ich versuche, diese Texte daraufhin zu hinterfragen, ob die hier evozierte „Krise“ des Humanismus hintergründig oder untergründig nicht doch von der Voraussetzung ausging, dass es in Russland einen Humanismus gab, der allerdings erst mit der Revolution offensichtlich wurde und durch sie zu seiner Krise führte?