Der Beitrag untersucht die Dynamiken zwischen politischen Gefühlen, gesellschaftlichen Trends und kulturellen Prägungen paradigmatisch anhand von Verachtung und führt dazu phänomenologische, sozialphilosophische und soziologische Perspektiven zusammen. Er argumentiert für die These, dass Verachtung westliche neoliberal geprägte Kulturen in hohem Maße bestimmt. Dieses Gefühl hinterlässt Spuren in vielen öffentlichen Diskursen; es zeigt sich mal offen, mal verdeckt; seine destruktiven Wirkungen sind jedenfalls auffällig. Zusammen mit Gefühlen und emotionalen Haltungen wie Missgunst, Arroganz, Minderwertigkeitsgefühlen und Ressentiment, vor allem aber mit Gefühlen der Über- und Unterlegenheit gehört Verachtung zur Gruppe der Distinktionsgefühle, deren gesellschaftliche Funktion darin besteht, den sozialen Abstand zu anderen Schichten oder bestimmten Personengruppen zu vertiefen. Verachtung baut auf Überlegenheitsgefühlen auf: Anlass von Verachtung ist die angebliche moralische, soziale, geistige oder sonstige Minderwertigkeit der Verachteten. Das Gefühl führt dazu, die Verachteten aus der eigenen Welt auszuschließen und ihnen die Anerkennung als gleichberechtigte Person zu entziehen. Es ist charakteristisch für kapitalistische Gesellschaften, in denen das Leistungsprinzip ideologisch dazu führt, sich Erfolg und Misserfolg individuell zuzurechnen („neoliberal“) und sich entsprechend über- oder unterlegen zu fühlen. Dies zeigt der Beitrag anhand bestimmter Diskurse und Praktiken wie Mobbing, aber auch anhand der Konjunktur eines neuartigen, mit der Verachtung verwandten Gefühlsphänomens, dem cringe. Auf Verachtung kann mit verschiedenen Gefühlen geantwortet werden, von denen das gefährlichste Hass ist. Aber auch ohne mit Hass vermischt zu werden, kann Verachtung zu Gewalt führen. Es ist eines der am stärksten unterschätzten feindseligen Gefühle.

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Verachtung als verdecktes Distinktionsgefühl. Emotionsstrategien in neoliberal geprägten Gesellschaften

  • Hilge Landweer

摘要

Der Beitrag untersucht die Dynamiken zwischen politischen Gefühlen, gesellschaftlichen Trends und kulturellen Prägungen paradigmatisch anhand von Verachtung und führt dazu phänomenologische, sozialphilosophische und soziologische Perspektiven zusammen. Er argumentiert für die These, dass Verachtung westliche neoliberal geprägte Kulturen in hohem Maße bestimmt. Dieses Gefühl hinterlässt Spuren in vielen öffentlichen Diskursen; es zeigt sich mal offen, mal verdeckt; seine destruktiven Wirkungen sind jedenfalls auffällig. Zusammen mit Gefühlen und emotionalen Haltungen wie Missgunst, Arroganz, Minderwertigkeitsgefühlen und Ressentiment, vor allem aber mit Gefühlen der Über- und Unterlegenheit gehört Verachtung zur Gruppe der Distinktionsgefühle, deren gesellschaftliche Funktion darin besteht, den sozialen Abstand zu anderen Schichten oder bestimmten Personengruppen zu vertiefen. Verachtung baut auf Überlegenheitsgefühlen auf: Anlass von Verachtung ist die angebliche moralische, soziale, geistige oder sonstige Minderwertigkeit der Verachteten. Das Gefühl führt dazu, die Verachteten aus der eigenen Welt auszuschließen und ihnen die Anerkennung als gleichberechtigte Person zu entziehen. Es ist charakteristisch für kapitalistische Gesellschaften, in denen das Leistungsprinzip ideologisch dazu führt, sich Erfolg und Misserfolg individuell zuzurechnen („neoliberal“) und sich entsprechend über- oder unterlegen zu fühlen. Dies zeigt der Beitrag anhand bestimmter Diskurse und Praktiken wie Mobbing, aber auch anhand der Konjunktur eines neuartigen, mit der Verachtung verwandten Gefühlsphänomens, dem cringe. Auf Verachtung kann mit verschiedenen Gefühlen geantwortet werden, von denen das gefährlichste Hass ist. Aber auch ohne mit Hass vermischt zu werden, kann Verachtung zu Gewalt führen. Es ist eines der am stärksten unterschätzten feindseligen Gefühle.