Der Beitrag befasst sich mit zwei Perioden in der Entwicklung der postsowjetischen belarusischen Gesellschaft, die symbolisch in die Zeit vor und nach August 2020 unterteilt werden können. Basierend auf verschiedenen empirischen Materialien und einer Kombination von phänomenologischer und gesellschaftskritischer Perspektive untersucht der Beitrag, wie sich die individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit aufgrund von Transformationen in der affektiven Dimension des sozialen Lebens verändert hat. Mit dieser Perspektivierung wird die enthusiastische Massenmobilisierung, die die belarusische Protestbewegung 2020 hervorgebracht hat, der sozialen Depression, die viele Jahre lang unter dem autoritären Regime herrschte, gegenübergestellt. Da Affekte und Emotionen geteilt werden können und sie ausdrücken, was uns betrifft und als Mitbürger:innen wichtig ist, untersucht der Beitrag Affektivität, um dynamische Zusammenhänge zwischen individueller bürgerlicher Handlungsfähigkeit und kollektiver politischer Handlungsfähigkeit zu klären. Angesichts der habituellen politischen Passivität der Belarus:innen wird die Frage gestellt: Wie schaffte es die zumeist depolitisierte Gesellschaft, sich gegenseitig zu einer historisch einmaligen kollektiven politischen Aktion zu mobilisieren? Es wird gezeigt, dass eine der konstitutiven Bedingungen für die Entstehung der neuen politischen Gemeinschaft mündiger Bürger:innen in Belarus im Jahr 2020 die ganz besondere affektive Dynamik war, die aus zwei Phasen, der Erschütterung (Patočka) und dem politisch Erhabenen, bestand. Es wird argumentiert, dass die typische politische Gleichgültigkeit der Belarus:innen durch die affektive Mobilisierung und Solidarität der Erschütterten überwunden wurde.

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Affektivität und Handlungsfähigkeit: Überwindung sozialer Depressivität durch politische Solidarität

  • Tatiana Shchyttsova

摘要

Der Beitrag befasst sich mit zwei Perioden in der Entwicklung der postsowjetischen belarusischen Gesellschaft, die symbolisch in die Zeit vor und nach August 2020 unterteilt werden können. Basierend auf verschiedenen empirischen Materialien und einer Kombination von phänomenologischer und gesellschaftskritischer Perspektive untersucht der Beitrag, wie sich die individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit aufgrund von Transformationen in der affektiven Dimension des sozialen Lebens verändert hat. Mit dieser Perspektivierung wird die enthusiastische Massenmobilisierung, die die belarusische Protestbewegung 2020 hervorgebracht hat, der sozialen Depression, die viele Jahre lang unter dem autoritären Regime herrschte, gegenübergestellt. Da Affekte und Emotionen geteilt werden können und sie ausdrücken, was uns betrifft und als Mitbürger:innen wichtig ist, untersucht der Beitrag Affektivität, um dynamische Zusammenhänge zwischen individueller bürgerlicher Handlungsfähigkeit und kollektiver politischer Handlungsfähigkeit zu klären. Angesichts der habituellen politischen Passivität der Belarus:innen wird die Frage gestellt: Wie schaffte es die zumeist depolitisierte Gesellschaft, sich gegenseitig zu einer historisch einmaligen kollektiven politischen Aktion zu mobilisieren? Es wird gezeigt, dass eine der konstitutiven Bedingungen für die Entstehung der neuen politischen Gemeinschaft mündiger Bürger:innen in Belarus im Jahr 2020 die ganz besondere affektive Dynamik war, die aus zwei Phasen, der Erschütterung (Patočka) und dem politisch Erhabenen, bestand. Es wird argumentiert, dass die typische politische Gleichgültigkeit der Belarus:innen durch die affektive Mobilisierung und Solidarität der Erschütterten überwunden wurde.