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Corona-Proteste und die ‚Casting-Gesellschaft‘ – medienethische Überlegungen am Beispiel des ‚Corona-Soundtracks‘ (Spiegel TV)

  • Florian Wobser

摘要

Gerahmt von kritischen und aufmerksamkeitsökonomischen Beobachtungen der massenmedialen Öffentlichkeit unter Bedingungen der sogenannten Polykrise wird eine medienethische Perspektive auf die Berichterstattung zu SARS-CoV-2 entfaltet. Diese richtet sich genauer auf die frühen Proteste gegen die staatlichen Maßnahmen im Sommer 2020 und deren zugespitzte Inszenierung durch Spiegel TV. Die Überzogenheit der je eigenen Inszenierungsweise der Dokumentierenden, aber auch der Dokumentierten selbst wird einander heuristisch gegenüber gestellt, so dass sowohl die vermeintliche Kritik der schrillen Maßnahmengegner:innen als auch der ironisch-investigative Stil des Formats ‚Corona-Soundtrack‘ in ihren jeweiligen Einseitigkeiten simultan erörtert werden. Die verschwörungsaffinen, affektgeladenen sogenannten Wutbürger:innen bzw. die so rigoros klickorientierten Medienmacher:innen erzeugen eine audiovisuelle Emergenz, die mit Hilfe des medientheoretischen Topos der ‚Casting-Gesellschaft‘ gedeutet wird. Zentrale Aspekte der entfalteten Argumentation sind zusätzlich false balance, Polarisierung, Fake News, bullshitting und die durch eine Forschergruppe um Oliver Nachtwey entwickelte soziologisch-psychologische Deutung der Proteste. Eine spezielle Würdigung erfährt außerdem der Spiegel-TV-Stil, der hier ausnahmsweise nicht durch einen bissigen Kommentar, sondern durch einen bloßen Zeigegestus jener Ereignisse dominiert wird, der didaktisch sowie ethisch von Relevanz und damit reflexionsleitend ist. Was dieser Infotainment gleichenden audiovisuellen Inszenierung der Wahrnehmung entzogen bleiben muss, sind Resultate einer sachlichen Diagnose der gesundheitlichen Risiken in der Frühphase der Corona-Pandemie.