Etwas versteckt, aber dennoch unschwer zu finden war kurz vor der Jahrtausendwende einer der luzidesten Kurztexte zum Themenkomplex von Subversion und Popmusik in der Jungle World unter dem schönen Titel „A Tribe Called Rock“. Rock meint hier Hardrock, „Hardrock vs. HipHop“, so hieß es dort im Untertitel, „Nashville Pussy sind lauter als Texta“. Protest, damit beginnt der Text von Hugo Breithaupt, das sei „eine der wenigen brauchbaren Lehren aus den siebziger Jahren“, Protest habe „laut und schmutzig“ zu klingen: „Denn er stellt sich nicht über sein Thema, sondern über seinen Ausdruck dar.“ (1998). Die damals sich auf ihrer ersten Europa- und Deutschlandtournee befindliche Formation Nashville Pussy gelten als zentrale ProtagonistInnen dieses Ausdrucks: „Laut und schmutzig sind Nashville Pussy schon, aber mit Protest-in-Popmusik-Diskussionen haben sie nur wenig am Hut. Das hier ist Rock and Roll! Nashville Pussy interessieren sich für ganz und gar andere Dinge. Gitarristin Ruyter Suys beispielsweise hat eine 1984er SG, die sie spielt wie eine halbaufgedrehte 1970er Marshall. Und Sänger Blaine Cartwright bedient eine Gibson (undatiert). Sie machen das ganz gut, aber man weiß bei alledem nicht so genau, was diesen Menschen außer Gitarrenjahrgängen noch so wichtig ist. Bier und Sex vermutlich.“ Nashville Pussy, sie „spielen ein doppeltes gemischtes Doppel mit verteilten Rollen, das gendermäßig nur schwer aufzulösen ist“ – zwei Frauen an Lead-Gitarre und Bass, Gesang und Drums von zwei Männern (Abb. 1) Nashville Pussy gegenüber gestellt wird nun eine deutschsprachige HipHop-Gruppe aus Linz/Österreich. „Keiner weiß so genau, was da passiert, und eigentlich will das auch keiner so genau wissen“, denn wo liegt schon Linz: „Muß irgendwo bei Slubice sein, auf jeden Fall weit weg von Nashville.“ Nicht das Kleinbürgerlich-Miefige der HipHopper, auch nicht ihre epigonale Anbiederung an den regressiven Ethno-Kitsch von Deutschrappern wie Freundeskreis, sondern ihr pseudopolitischer Boheme-Diskurs („Sie stehen spät auf. Morgens ist man zu nichts zu gebrauchen und fühlt sich deshalb von der Gesellschaft ausgestoßen. Manchmal muß man aber eben doch früh raus. Was machen die dann bloß?“) wird entlarvt: „Texta sind aber nicht nur fürchterlich dissident, sondern auch ganz schön mutig“. Denn, allein darum geht es in ihren Texten: „arbeitslos werden, kiffen, der Bahnhof, die Eltern, DJ Blumentopf, Respekt, Multikulti und wie man so ein Lied macht.“ Ganz anders bei Nashville Pussy. In Kontrast zum Hype von Texta dominiert dort tatsächliche Subversion, in Form eines proletarischen Lustprinzips: „Denn weil sich Nashville Pussy nur für ihre Gitarren, für Sex und Bier interessieren, könnten sie höchstens einmal ein Interview in Gitarre & Baß geben, würden aber niemals eine Rezension in der Spex bekommen“. Zwar können auch sie ein Lied singen vom Arbeitsloswerden und vom Kiffen, vom durch hypermoralische Identitäre fortwährend diffamierten White Trash, den ganzen Rest aber schenken sie der Pseudopolitik: „Fragen, die sich Nashville Pussy gar nicht zu stellen brauchen. Die quälen einfach ihre Instrumente und ihre Zuhörer, wie es ihnen paßt, können herumbrüllen, anstatt auf den korrekten Flow aus Hamburg, Stuttgart oder Linz achten zu müssen“. Auch wenn kein Wort fällt hier zu den tiefironischen, jederzeit äußerst sophistisierten Sprachspielen in den Texten von Nashville Pussy, eines ist sicher: „Keine hippen Partys mit den Produzenten, sondern ein Fest, bei dem man sich lieber auf seine Triebe konzentriert. Und das ist allemal subversiver als ein DeutschHop.“ (ebd.). Es kokettiert der Hardrock mit dem Gesetz des Geistes, nachdem eben begehrt wird, was verboten ist. So liegt gerade im Gegenteil der Vernunft ein besonderer intellektueller Reiz. Nashville Pussy gelingt es dabei, Nonsens auf geistreiche Weise zu produzieren.

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Rock and Roll, Dope and Fucking in the Streets

  • Ivo Ritzer

摘要

Etwas versteckt, aber dennoch unschwer zu finden war kurz vor der Jahrtausendwende einer der luzidesten Kurztexte zum Themenkomplex von Subversion und Popmusik in der Jungle World unter dem schönen Titel „A Tribe Called Rock“. Rock meint hier Hardrock, „Hardrock vs. HipHop“, so hieß es dort im Untertitel, „Nashville Pussy sind lauter als Texta“. Protest, damit beginnt der Text von Hugo Breithaupt, das sei „eine der wenigen brauchbaren Lehren aus den siebziger Jahren“, Protest habe „laut und schmutzig“ zu klingen: „Denn er stellt sich nicht über sein Thema, sondern über seinen Ausdruck dar.“ (1998). Die damals sich auf ihrer ersten Europa- und Deutschlandtournee befindliche Formation Nashville Pussy gelten als zentrale ProtagonistInnen dieses Ausdrucks: „Laut und schmutzig sind Nashville Pussy schon, aber mit Protest-in-Popmusik-Diskussionen haben sie nur wenig am Hut. Das hier ist Rock and Roll! Nashville Pussy interessieren sich für ganz und gar andere Dinge. Gitarristin Ruyter Suys beispielsweise hat eine 1984er SG, die sie spielt wie eine halbaufgedrehte 1970er Marshall. Und Sänger Blaine Cartwright bedient eine Gibson (undatiert). Sie machen das ganz gut, aber man weiß bei alledem nicht so genau, was diesen Menschen außer Gitarrenjahrgängen noch so wichtig ist. Bier und Sex vermutlich.“ Nashville Pussy, sie „spielen ein doppeltes gemischtes Doppel mit verteilten Rollen, das gendermäßig nur schwer aufzulösen ist“ – zwei Frauen an Lead-Gitarre und Bass, Gesang und Drums von zwei Männern (Abb. 1) Nashville Pussy gegenüber gestellt wird nun eine deutschsprachige HipHop-Gruppe aus Linz/Österreich. „Keiner weiß so genau, was da passiert, und eigentlich will das auch keiner so genau wissen“, denn wo liegt schon Linz: „Muß irgendwo bei Slubice sein, auf jeden Fall weit weg von Nashville.“ Nicht das Kleinbürgerlich-Miefige der HipHopper, auch nicht ihre epigonale Anbiederung an den regressiven Ethno-Kitsch von Deutschrappern wie Freundeskreis, sondern ihr pseudopolitischer Boheme-Diskurs („Sie stehen spät auf. Morgens ist man zu nichts zu gebrauchen und fühlt sich deshalb von der Gesellschaft ausgestoßen. Manchmal muß man aber eben doch früh raus. Was machen die dann bloß?“) wird entlarvt: „Texta sind aber nicht nur fürchterlich dissident, sondern auch ganz schön mutig“. Denn, allein darum geht es in ihren Texten: „arbeitslos werden, kiffen, der Bahnhof, die Eltern, DJ Blumentopf, Respekt, Multikulti und wie man so ein Lied macht.“ Ganz anders bei Nashville Pussy. In Kontrast zum Hype von Texta dominiert dort tatsächliche Subversion, in Form eines proletarischen Lustprinzips: „Denn weil sich Nashville Pussy nur für ihre Gitarren, für Sex und Bier interessieren, könnten sie höchstens einmal ein Interview in Gitarre & Baß geben, würden aber niemals eine Rezension in der Spex bekommen“. Zwar können auch sie ein Lied singen vom Arbeitsloswerden und vom Kiffen, vom durch hypermoralische Identitäre fortwährend diffamierten White Trash, den ganzen Rest aber schenken sie der Pseudopolitik: „Fragen, die sich Nashville Pussy gar nicht zu stellen brauchen. Die quälen einfach ihre Instrumente und ihre Zuhörer, wie es ihnen paßt, können herumbrüllen, anstatt auf den korrekten Flow aus Hamburg, Stuttgart oder Linz achten zu müssen“. Auch wenn kein Wort fällt hier zu den tiefironischen, jederzeit äußerst sophistisierten Sprachspielen in den Texten von Nashville Pussy, eines ist sicher: „Keine hippen Partys mit den Produzenten, sondern ein Fest, bei dem man sich lieber auf seine Triebe konzentriert. Und das ist allemal subversiver als ein DeutschHop.“ (ebd.). Es kokettiert der Hardrock mit dem Gesetz des Geistes, nachdem eben begehrt wird, was verboten ist. So liegt gerade im Gegenteil der Vernunft ein besonderer intellektueller Reiz. Nashville Pussy gelingt es dabei, Nonsens auf geistreiche Weise zu produzieren.