Wahrscheinlichkeiten bewerten, Menschen (aus)sortieren? Debatten um die Verteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der Corona-Pandemie
摘要
Wie sollen Krankenhäuser ihre intensivmedizinischen Ressourcen verteilen, wenn die Anzahl der Patient*innen vorhandene Kapazitäten übersteigt? Diese Frage wurde im Kontext der Corona-Pandemie virulent und weltweit in Form von „Triage-Leitlinien“ adressiert. Der Beitrag fokussiert aus bewertungssoziologischer Perspektive Debatten um die Verteilung intensivmedizinischer Ressourcen, die zwischen März 2020 und Dezember 2022 in Deutschland geführt wurden. Anhand einer Auswertung von Triage-Empfehlungen medizinischer Fachgesellschaften analysiert er in einem ersten Schritt die darin entworfene Bewertungsordnung, die auf universalistische Sachgesichtspunkte rekurriert und darauf abzielt, unsichere Entscheidungen mit Legitimität auszustatten. Allerdings stellten v. a. Akteur*innen aus dem Umfeld der Behindertenrechtsbewegung mit dem Verweis auf das Risiko indirekter Diskriminierungen die Legitimität dieser Bewertungsordnung radikal in Frage und stießen über eine Verfassungsklage Rechtssetzungprozesse an. Diese werden in zweiten Schritt auf der Grundlage einer dokumentenanalytischen Auswertung von Rechtsdokumenten, Stellungnahmen und Statements rekonstruiert. In politisch-rechtlich ausgefochtenen Kämpfen um die Bewertungsordnung der Triage, so zeigt der Beitrag, bildet sich ein Wertekonflikt ab, der im Spannungsfeld zwischen professionellen Logiken und menschenrechtlichen Erwartungen die Grenzen der Legitimität von organisationalen Personenbewertungen auslotet.