Die Tektonik des Sozialen
摘要
Reise ist ein Begriff, der eine gewisse Offenheit gegenüber dem Anderen, eine lustvolle, aktive Hinwendung zum Neuen, eine gewollte Irritation in der Fremde und damit auch einen Wunsch nach Reflexion und Infragestellung des Eigenen impliziert. Reisen beinhalten Momente der Überraschung, sind Inspiration und Desillusion gleichermaßen und bieten mit der räumlichen Trennung von Gewohntem auch einen neuen Blick auf die Welt selbst; auf die Kontingenzen sozialen Sinns, die Brüchigkeit sozialer Ordnung und die Relativität der eigenen Perspektive. So sind Reisende immer auch interessierte Fremde, die jedoch in ihrer fehlenden Einbindung und ihrem analytischen Abstand in einer besonderen Beziehung zu den bereisten Orten stehen und diesen bisweilen nähertreten, als es lokale Akteure und Akteurinnen zu tun vermögen. Von einer Reise des Wissens zu sprechen erscheint begrifflich erst einmal attraktiv. Denn die Reise impliziert die Möglichkeit, uns im Licht des Anderen selbst neu zu entdecken, vor dem Hintergrund einer horizonterweiternden Irritation andere Auslegungs- und Handlungsmöglichkeiten der nur vermeintlich bekannten Welt zu erfahren und damit eine Lesart von Wirklichkeit zu entwickeln, die die bisherige hinterfragen, erweitern, erschüttern kann. Damit zusammenhängend können Reisen jedoch auch mit Unbestimmtheiten, Risiken und Gefahren einhergehen, da neue Entdeckungen und Erlebnisse mit unabsehbaren Folgen und Konsequenzen daherkommen können. Im Zauber der Fremde scheint das Gefühl der eigenen Ohnmacht nah, wenn paradigmatische Grundlagen individueller Deutung situational ins Wanken geraten, wenn eingespielte Handlungsmuster für eine erfolgreiche Bewältigung der Situation verfehlt wirken oder wenn eine Übereinkunft mit dem Gegenüber nicht oder nur sehr begrenzt möglich erscheint. Reisen sind Ereignisse, die wir unternehmen und von denen wir aber immer auch unternommen werden (Steinbeck 1993, S. 8). Dem Wissen auf Reisen und den Akteuren und Akteurinnen, die mit diesem Wissen in Kontakt kommen, geht es nicht anders.