Klassenfragen auf Streamingplattformen: Ökonomische Barrieren und demografisches Targeting bei Netflix
摘要
Fernsehen in Deutschland zeichnete sich lange dadurch aus, dass fast niemand wegen finanzieller oder sozialer Hürden darauf verzichten musste. In den letzten drei Jahrzehnten haben Pay-TV-Sender allerdings monetäre Barrieren innerhalb des Fernsehens eingeführt. Mit den On-Demand-Modellen der neuen Web-TV-Anbieter stellt sich nun der Eindruck ein, dass Fernsehen noch nie so teuer war wie im Internet. Im Rahmen der streaming wars sind regelmäßige Zahlungen für TV-Inhalte der Standard. Fernsehen wird als personalisiertes Produkt neu gerahmt. Zugleich spielen auch auf unseren scheinbar individuellen Plattformprofilen traditionelle ‚Publikumsklassen‘ nach Alter, Geschlecht, Nationalität oder Ethnie weiterhin eine Rolle. Sie werden aber durch das Empfehlungssystem neu perspektiviert und instrumentalisiert. Mikrogenres, d. h. die thematisch-inhaltlichen Gruppierungen von Serienformaten, rekurrieren auf bestimmte soziale Rollen, kulturelle, ethnische oder sexuelle Identitäten der User*innen. Mit welchen Zuschauer*innen-Entwürfen arbeiten Streamingplattformen wie das Unternehmen Netflix, das aufgrund seiner variationsreichen Mikrogenres hier als zentraler Analysegegenstand dient, im Vergleich zu den bisherigen Zielgruppen herkömmlicher TV-Sender? Reproduziert der Plattformalgorithmus soziale Klassen und sortiert seine User*innen nach deren Genrepräferenzen und Sichtungshistorien in diese ein? Welche Klassenfragen müssen im Webfernsehen neu gestellt werden?