Verdopplung der Präsenz. Zur paranoiden Zeitlichkeit im dramatischen Theater
摘要
Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit dem dramatischen Theater als einem exemplarischen Bezugsobjekt der paranoiden Lektüre. Dieser Frage wird anhand des Beispiels von Thomas Bernhard, einem der provokationslustigsten Autoren der deutschsprachigen literarischen Szene, und seinem Theaterstück Vor dem Ruhestand (1979) nachgegangen. Das diskutierte Stück ist inhaltlich auf das Verschwörungsdenken und solch ein paranoiaträchtiges Thema wie „Nazi-Fossilien“ in der Nachkriegsgesellschaft konzentriert. Während der thematische Bezug zur Paranoia auf der Hand liegt, nimmt die Autorin sich vor, zu erläutern, wie die ästhetische Form der Aufführung in die Dramatisierung und Untersuchung der Paranoia Einzug findet. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei dem dramatischen Zeitregime zu, bei dem es zu einer freien Entfaltung der Aufführung in der Jetzt-Zeit und folglich zum Aufkommen einer natürlichen zwischenmenschlichen Welt kommt. Bernhard, so eine der Grundannahmen, geht es darum, das Publikum für die Prozesse zu sensibilisieren, die parallel zur Entstehung einer vorgestellten Zuschauergemeinschaft verlaufen und unter anderem ihren Ausdruck in der Fremdattribuierung der Paranoia finden.