Islamische Normenquellen als Grundlage für interreligiöse Hermeneutik – Potenziale und Grenzen
摘要
Die islamische Jurisprudenz (fiqh) gewährt durch ihre Quelle, die šarʿ man qablanā (Normenordnungen früherer Himmelsreligionen), Raum für eine interreligiöse hermeneutische Untersuchung. Bei der šarʿ man qablanā geht es um den Umgang mit dem religiös-normativen Inhalt früherer Religionen, der einen großen Teil der islamischen Textquellen – Koran und Sunna – bildet. Einige frühere klassische Rechtsschulen, vor allem die ḥanafitische und mālikitische, verwendeten dieses Material als Rechtsgrundlage für die Entwicklung von Normen, die in die islamische Normenordnung integriert wurden. In der Gegenwart wird von etlichen muslimischen Denkern der Versuch unternommen, den Anwendungsbereich dieses Materials zu erweitern, sodass es zum Ausgangspunkt für eine interreligiöse Hermeneutik bzw. von vergleichenden Theologien wird. Im Zuge dessen soll dieser interreligiöse Inhalt islamischer Quellentexte in einem zeitgenössischen und pluralistischen Kontext neuinterpretiert und mit anderen Theologien komparativ analysiert werden. Demgemäß zielt der vorliegende Artikel zum einen darauf hin, die vormoderne Diskussion über die šarʿ man qablanā als juristische hermeneutische Methode zum Umgang mit dem normativen Inhalt früherer Religionen, der im Koran oder in der Sunna zitiert wurde, zu veranschaulichen. Zum anderen gilt das Interesse dieses Aufsatzes der Untersuchung von gegenwärtigen Ansätzen für eine erweiterte Anwendung der šarʿ man qablanā in einer pluralistisch interreligiösen und interkulturellen Gesellschaft.