Koranexegese im Diskurs von historischer Objektivität und Meinungspluralität
摘要
Aufgrund der Vielfalt an Korankommentaren ist die Koranexegese eine der produktivsten islamischen Wissenschaften. Ihren ambigen Entfaltungsspielraum entnimmt diese Disziplin ihrer Problematik der Definierbarkeit. Ihr Untersuchungsgegenstand und ihre Methode stehen unter dem Einfluss der Philosophie, der Sprache (luġa), der arabischen Rhetorik (balāġa), der spekulativen Theologie (kalām) und der Rechtstheorie (uṣūl al-fiqh). Die koranexegetische Lehre des persischen Gelehrten Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1210) steht unter einem deutlichen Einfluss des kalām und der Rechtstheorie, weshalb die sunnitische Koranexegese durch dessen exegetischen Ansätze aus ihrem historisch-gewordenen epistemologischen Rahmen geriet. Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit der pluralistischen und ambigen Texthermeneutik ar-Rāzīs, die das Potenzial aufweist, mehrere Ansichten für wahrscheinlich zu halten. Diese Herangehensweise speist sich einerseits aus seiner epistemologischen Skepsis, andererseits aus seiner Verifizierung (taḥqīq) und dem Versuch, mit der Sondierung und Aufteilung (sabr wa-taqsīm) das apodiktische Wissen (ʿilm al-qaṭʿī) in den behandelten Themen zu erzielen. Sofern ar-Rāzī zu keinem passenden Ergebnis gelangt, nimmt er keine Position ein und setzt das Urteil durch die skeptische Indifferenz (tawaqquf) aus. Ar-Rāzī stellt diesen Ansatz sowohl in seiner koranexegetischen Lehre, in seinen theologischen Schriften als auch in seiner Rechtstheorie vor.