Einleitung: Die natürliche Geburt als Explikation ambivalenter Weltbeziehungen
摘要
Die Formation der natürlichen Geburt ist dadurch gekennzeichnet, dass sie als ein Lösungsversprechen widersprüchlicher Weltverhältnisse auftritt, das von medikalisierten Interventionen, Fremdbestimmung, Unsicherheit und Angst befreien soll. Die Untersuchung setzt an der Beobachtung an, dass aus den dabei transportierten Wertungen von Natur und Natürlichkeit klare, moralische Forderungen erwachsen: Im Namen des heilsamen Einklangs mit der Natur werden Imperative formuliert, dem zu folgen, was die Natur vorherbestimmt oder gar ‚eingerichtet‘ habe. Diese lebensweltlichen und sprachlichen Ausprägungen der idealisierten Natürlichkeit werden problematisch, indem sie stark normativ sind und in die intimsten Bereiche der individuellen Lebensführung vordringen – und dabei kulturell formulierte Modelle aufgrund einer legitimatorisch herangezogenen Natürlichkeit als moralisch richtig veranschlagen. Die emanzipatorisch motivierte Bewegung der natürlichen Geburt strebt nach einer Befreiung von medizinischen Zugriffen, ersetzt diese jedoch durch die Vorgaben der Natur, die dabei ihrerseits zu einem Aufgebot gegen die Selbstbestimmung Gebärender werden. Die vorliegende Arbeit analysiert die im Feld der Geburt wirksame Natürlichkeitssemantik im Kontext spätmoderner Mensch-Natur-Beziehungen und geht dafür nach dem Verfahren einer immanenten Kritik vor.