Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach: Vom „Reichsinstitut für Mathematik“ zur internationalen „sozialen Forschungsinfrastruktur“ (1944–1960er Jahre)
摘要
Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach ( MFO ) ist seit 2005 Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und genießt international höchstes Ansehen. Es wurde im Herbst 1944 gegründet als „Reichsinstitut für Mathematik“, dessen Aufgaben sehr umfassend waren, aber völlig im zeitgenössischen institutionellen Rahmen blieben. In den 1950er und 1960er Jahren entwickelte das MFO sich zu einem Tagungszentrum, das zunehmend auch international ausstrahlte, d. h. hin zu einer „sozialen Forschungsinfrastruktur“ wie sie in der deutschen Forschungslandschaft der 1950er und 1960er Jahre völlig neu war. Dieser Wandel der institutionellen Identität des MFO zwischen 1944 und dem Beginn der 1960er Jahre lässt sich an den neuen Organisationsformen des Forschungsbetriebs am MFO ablesen, d. h. insbesondere an der Entwicklung und Bedeutung des wissenschaftlichen Programms des MFO und der verwendeten Forschungsinstrumente. Die neuen Formen des Forschungsbetriebs gingen einher mit einer komplexen Finanzierungsproblematik: einerseits bedingt durch die wegfallende Finanzierung bei Kriegsende, andererseits dadurch befördert, dass das MFO keinen kanonischen Platz in der gängigen Praxis der Forschungsförderung hatte. Im Fokus des Beitrags stehen die Strategien, die bis Mitte der 1960er Jahre entwickelt wurden, um die materielle Existenz des MFO zu sichern (frz. Militärregierung, Landesministerien, Bundesministerien, DFG und MPG, Thyssen und Volkswagen Stiftung). Im Jahr 1963 war die institutionelle Sicherung des MFO schließlich weitgehend abgeschlossen.