Kulturgeschichte: Medien-Gesichter der Physiognomik
摘要
Der Wunsch nach Lesbarmachung des Körpers und damit seine Bild-Werdung fokussiert sich seit Menschengedenken unweigerlich auf die prominenteste Funktionsstelle des Körpers: das Gesicht. Trotz der andauernden Flut von Veröffentlichungen zum Thema Gesicht und Körperdarstellung verschiedenster Disziplinen wurde und wird die spannende und prekäre Schnittstelle, der Weg, den das flüchtige und unsichtbare Gesicht zum medialisierten, starren und lesbaren Bild zurücklegt, kaum untersucht. Die bildwissenschaftlich orientierte Kunstgeschichte hat sich bisher vornehmlich auf ihren genuinen Gegenstandsbereich, auf die Plastik, die Malerei und das Porträt, konzentriert. Besonders Erkenntnisse, die aus der Analyse des Porträts gewonnen wurden, lassen eine partielle Anwendung auf die Großaufnahme bzw. das Gesicht im Film als sinnvoll erscheinen. Die Semiotisierung des Körpers, insbesondere die omnipräsente Face-to-Face Kommunikation der Medien, die eine Adressierung und Involvierung (Immersion) des Zuschauers in das Geschehen beabsichtigen, verhelfen der Physiognomik auch heute zu einer ungeahnten Konjunktur. Seit der Antike kreist die Physiognomik um die Frage, in welchem Modus äußerliche körperliche Merkmale als Ausdruck des Inneren gelten. Physiognomische Elemente haben schon in der Frühzeit des Films einen starken Einfluss auf die Filmtheorie ausgeübt; der ungarische Filmtheoretiker Béla Balázs hat in einer der ersten Filmtheorien schon in den 1920er-Jahren eine enge Affinität zwischen der Darstellung des Gesichts und seiner Botschaft im Film ausgemacht (vgl. Balázs 1924/2001).