Zwischen Lateinamerika und Asien: Die frühe Soziologie gegen den Strich lesen
摘要
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die soziologische Theorie „gegen den Strich zu lesen“, wie Walter Benjamin es 1940 formulierte. Die Frage der Unsichtbarkeit – oder Unsichtbarmachung – ist sicherlich die wichtigste. Der Mainstream und die kanonische Erzählung der Geschichte der Soziologie und der soziologischen Ideen und Theorien lassen kaum Raum für nicht-westliche Aneignungen und Indigenisierungen ab dem späten 19. Jahrhundert. Der Artikel möchte eine andere disziplinäre Geschichte und eine andere Chronologie anbieten, indem er sich auf Beispiele aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stützt, insbesondere in Lateinamerika und Asien (Japan und China). Die Untersuchung der Verbreitung verschiedener Autor*innen, Bücher und Theorien sowie ihrer unterschiedlichen Rezeption in verschiedenen Ländern und deren unterschiedlichen intellektuellen, sozialen und politischen Umfeldern ermöglicht es, eine neue Chronologie der soziologischen Theorie und der Institutionalisierung der Disziplin zu entwerfen. Trotz der epistemischen Hegemonie, die sich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Verbreitung des soziologischen Denkens aus Frankreich und Großbritannien (mit Comte und Spencer) etablierte, war diese Verbreitung keine bloße Transplantation, sondern vielmehr eine komplexe und selektive Aneignung, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Bedeutung der „Soziologie“ als Denkbewegung und auch als akademische Disziplin ermöglicht.