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Aristoteles und die ‚logisch-metaphysische Sprachauslegung‘

  • Daniel Schmidt

摘要

Bei der Erörterung der Frage, ob beziehungsweise inwiefern das gesprochene Wort so etwas wie ein ‚Zeichen‘ ist, sind vor allem Aristoteles und Wittgenstein zu Wort gekommen. Wittgenstein darf dabei gleichsam als ein ‚Kronzeuge‘ der gemeinhin auf Aristoteles zurückgeführten ‚logisch-metaphysischen Sprachauslegung‘ gelten. Die Darstellungen beider Autoren weisen in der Tat eine Reihe struktureller, perspektivischer und inhaltlicher Gemeinsamkeiten auf. So übernimmt Wittgenstein im Tractatus – wenngleich in einer speziellen Auslegung – die von Aristoteles zu Beginn seiner Hermeneutik skizzierte triadische Beziehung von Welt, Mensch und Sprache, repräsentiert durch – oder genauer gesagt, reduziert auf – ‚Tatsachen‘, ‚Gedanken‘ und ‚Sätze‘. Limitiert durch seinen Vorbegriff der sagbaren Wirklichkeit – an die Stelle von Aristoteles’ Welt der Dinge, der ‚πράγματα‘, tritt bei ihm, da diese nicht darstellbar sind, eine nach szientistischer Maßgabe vorweg schematisierte Welt der ‚Tatsachen‘ –, folgt Wittgensteins Konzeption gleichwohl der dreiteiligen aristotelischen Grundstruktur. Einhergehend mit seinem eingeschränkten Verständnis der sagbaren Wirklichkeit, erfahren bei ihm verschiedene Tendenzen, deren Anfänge sich bei Aristoteles abzeichnen, eine Pointierung; so wird etwa die privilegierte Stellung, die Aristoteles dem gemeinhin als Aussagesatz, das heißt als Urteil verstandenen ‚λόγος ἀποφαντικός‘ im Kontext der Erscheinungsweisen von Sprache zuweist, durch Wittgenstein insofern verabsolutiert, als der Aussagesatz – und zwar ausschließlich der auf ‚Tatsachen‘ im Sinne der Naturwissenschaft bezogene – für ihn überhaupt die einzige Form sinnvollen Sprechens darstellt. Die hinsichtlich ihrer Beschaffenheit und Seinsweise nach dem Verständnis des Aristoteles noch zu erörternden Beziehungen zwischen den Gliedern des ‚semiotischen Dreiecks‘ werden von Wittgenstein explizit im ‚abbildenden‘ Sinn aufgefasst. Somit kommt es zu einer Ontifizierung von Denken und Sprechen; beide werden zu – selbst seienden – analogen Abbildungen der Wirklichkeit, gleichsam zu ‚Meta-Welten‘. Daraus resultiert wiederum eine Trennung zwischen der Sprache einerseits und den als außersprachlich vorgestellten Bereichen von Welt und Denken andererseits. Bei Wittgenstein kommt es darüber hinaus zu einer Ablösung des Logischen vom Sprachlichen, das als die Wirklichkeit abbildende ‚Meta-Welt‘ im Zuge seiner Ontifizierung selbst zu einem Weltlichen geworden ist, während das Außersprachlich-Logische als gemeinsame Form sowohl die Welt, als auch die Sprache, die Gedanken und andere mögliche ‚Meta-Welten‘ konstituiert.