»und ansonsten gehen wir vor zum Deich und schießen zwei Hasen. Wir sehen das wirklich sehr entspannt« Autoritäre Verarbeitungsweisen der Corona-Pandemie in der ›Mitte‹ der Gesellschaft
摘要
Ausgehend von der These, dass Autoritarismus eine historisch übergreifende Größe darstellt (Horkheimer 1963), die unter gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen von einer Mehrzahl der Subjekte ausgebildet wird, untersucht der Beitrag autoritäre Reaktionen zu Beginn der Covid-19-Pandemie. Dazu wurden biografische Interviews mit unterschiedlichen Bewohner:innen eines norddeutschen Urlaubsortes geführt, der Anfang 2020 in die Schlagzeilen geraten war Die Ergebnisse einer tiefenhermeneutischen Untersuchung der Interviews veranschaulichen, dass trotz ihrer unterschiedlichen Biografien die vier Interviewten sich im Hinblick auf ihren Umgang mit der Pandemie ähneln: Einerseits zogen sie sich stark zurück, andererseits richteten sich ihre Handlungen an ihrem Eigeninteresse aus. Die individuellen Gründe waren jeweils unterschiedlich. Dass es dennoch zu ähnlichen Reaktionen auf die Krise kommt, deutet daraufhin, dass es überindividuelle Aspekte gibt, die die Einzelnen prägen. Die Analyse veranschaulicht, dass beispielsweise Geschlecht eine strukturierende Kategorie darstellt, die den Interviewten einen Orientierungspunkt für ihr Verhalten lieferte und vermittelte und somit auch maßgeblich die Art der Covid-Krisenbewältigung bestimmte. Außerdem wird gezeigt, dass der Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und eigenen Triebzielen durch Identifikation mit einer imaginären Gruppe einseitig aufgelöst wird und damit in den Individuen die psychische Grundlage für die Empfänglichkeit autoritärer Meinungen schafft. Die dahinterliegenden Wünsche – beispielsweise nach Zugehörigkeit oder individueller Freiheit – sind den Einzelnen dabei nicht bewusst. Dieser Widerspruch tritt auch in der Krise zutage und aktiviert autoritäre Verarbeitungsweisen wie Aggressionen gegen eine projektiv bestimmte Fremdgruppe.